Löw macht sich angreifbar

Ganz ohne Schutzschild

von Redaktion

ELIISABETH SCHLAMMERL

Die großen Überraschungen blieben aus, aber damit konnte man auch nicht rechnen. Für den Paukenschlag hatte Joachim Löw ja schon eine gute Woche zuvor gesorgt mit der Ausbootung von Hummels, Boateng und Müller. Die Argumente, mit denen er sowohl Zeitpunkt als auch Art und Weise dieser Personalentscheidung nun rechtfertigte, dürften die Kritiker nicht überzeugt haben. Dazu bedarf es Erfolge, schneller Erfolge. Die erste Nagelprobe wird das Spiel gegen die Niederlande.

Löw geht ein großes Risiko ein, wie er den von allen Seiten geforderten Umbruch angeht. Als Jürgen Klinsmann 2004 nach dem EM-Debakel die Nationalmannschaft übernahm, baute er auch radikal um und neu auf. Er trennte sich von verdienten Spielern, oder die zogen sich freiwillig zurück. Aber Klinsmann achtete damals darauf, dass die Mischung stimmt. Michael Ballack und Torsten Frings blieben als Leader im Mittelfeld, hinten setzte er weiter auf Arne Friedrich und im Tor zunächst auf Oliver Kahn. Die junge Riege mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski konnte im Schatten der Arrivierten reifen.

Die Abwehrspieler, denen Löw nun vertraut, haben kein Schutzschild mehr. Chelseas Innenverteidiger Antonio Rüdiger ist mit 26 noch derjenige, mit der größen Routine. Aber er muss sich seinen Platz im Zentrum erst noch erkämpfen – anders als Niklas Süle, der gesetzt sein und der neue Abwehrchef sein dürfte. Doch ein Leadertyp ist der Münchner nicht. Noch nicht.

In der gesamten Mannschaft fehlt eine Führungsfigur. Die letzten verbliebenen Spieler aus der Weltmeister-Generation sind es nicht, weder Toni Kroos noch Marco Reus, der zwar 2014 verletzungsbedingt fehlte, aber schon lange zu Löws Kader gehört, erst recht nicht Matthias Ginter. Und Kapitän Manuel Neuer muss selbst um seine Position als Nummer eins bangen.

Es gibt junge Spieler in Löws Kader, die das Zeug dazu haben, in der Hierarchie ganz nach oben zu klettern. Joshua Kimmich zum Beispiel, aber tut man dem Bayern-Profi einen Gefallen, dies bereits jetzt von ihm zu erwarten? Diese junge Mannschaft braucht Zeit, aber die hat Löw eigentlich nicht. Er muss Resultate liefern. Denn mit seinem Kommunikationsstil hat sich der Bundestrainer angreifbar gemacht. Nicht nur extern, sondern auch im eigenen Haus, im DFB.

Elisabeth.Schlammerl@ovb.net

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