Melbourne – Es war doch etwas ganz Neues für die Formel 1: Erstmals seit einigen Jahren schien der Dauersieger der letzten Jahre, Mercedes, ins Hintertreffen geraten zu sein. Denn der Sieger der Winter-Testfahrten hieß diesmal eindeutig Ferrari.
Zwar kam Mercedes dort am Ende mit einem gegenüber der ersten Woche neuen Aeropaket etwas näher heran. Und am Freitag beim Training in Melbourne drehten die Silbernen sogar überraschend auf. Doch im Lager des Titelverteidigers stellt man sich auf eine harte Saison ein. „2018 mussten wir alles geben, um uns durchzusetzen. Soweit wir es bislang sehen können, wird diese Saison sogar noch härter“, sagt Teamchef Toto Wolff. „Es geht auch darum, wer sich am besten an die neuen Regeln, die neuen Reifen und die neuen Herausforderungen anpasst, die wir in dieser Saison meistern müssen. Am Ende wird das anpassungsfähigste und agilste Team an der Spitze stehen.“
Doch gerade da – in der Anpassung und beim Nachrüsten, liegt eine der ganz großen Stärken der Dauerweltmeister der letzten fünf Jahre. Kein Team stellt sich Herausforderungen so akribisch. Kein Team arbeitet so analytisch. Kein Team findet auf schwierige Fragen so schnell Antworten. „Mercedes hat schon sehr oft bewiesen: Wenn sie dann im Laufe der Saison Updates bringen, dann passen die auch, dann bedeuten sie immer einen Schritt nach vorne“, sagt etwa Ex-Pilot und TV-Experte Marc Surer (Schweiz).
1600 Menschen arbeiten in Brackley und Brixworth am Projekt sechster WM-Titel in Serie. Weltmeister Lewis Hamilton sieht Ferrari zwar im Moment fast eine halbe Sekunde voraus, traut seiner Truppe aber zu, „dass wir das recht schnell aufholen können. Nach den ersten Testfahrten hat Teamchef Toto Wolff im Werk eine Ansprache gehalten, um uns darzulegen, dass wir die Ärmel hochkrempeln müssen. Ich weiß, jeder Mitarbeiter gibt alles, damit Valtteri Bottas und ich das bestmögliche Auto haben.“
Muss ein Pilot wie Lewis Hamilton in seinem Team gleich am ersten GP-Wochenende zeigen, wer Herr im Haus ist? Da ist der fünfmalige Weltmeister ganz gelassen: „Das ist mir nicht so wichtig. Eine Saison ist lang. Ich will nur regelmäßig Spitzenergebnisse einfahren, an alles andere denke ich nicht.“
An der fahrerischen Stärke von Hamilton gibt es ja keinerlei Zweifel. Weswegen Toto Wolff seine Hoffnung, den Titel – trotz Ferraris zwischenzeitlichem Vorsprung – dennoch verteidigen zu können, auch mit der Ausnahmestellung seines Starfahrers begründet: „Es gibt Sportler, die sich nach unzähligen Erfolgen nicht mehr richtig motivieren können. Lewis ist da ganz anders. Er ist erfolgshungriger denn je. Er kann deshalb der beste Formel-1-Fahrer der Geschichte werden.“
Die Bedenken von Wolff richten sich auf einen ganz anderen Punkt: Mercedes ging bei der Konzeption des neuen Silberpfeils, des W10, einen völlig anderen Konstruktionsweg als der vermeintliche Hauptkonkurrent Ferrari. Das liegt vor allem am Frontflügel, der ja durch das neue Reglement in dieser Saison statt 1,80 jetzt 2,00 Meter breit ist – dafür in den Einzelelementen aber wesentlich vereinfacht. Wofür die Teams sehr unterschiedliche Lösungen fanden – und in den ersten Testwochen schien das Ferrari-Konzept, bei dem der Frontflügel die Luft außen um die Vorderräder leitet und so den Unterboden seitlich abdichtet, am besten zu funktionieren.
Aber Mercedes kann diesen Flügel nicht einfach kopieren. Denn er ist Teil eines Gesamtkonzepts, das auch auf einem hohen Anstellwinkel des Autos an sich basiert. Den hat der gegenwärtige Mercedes aber nicht. Man müsste also das ganze Auto dementsprechend umbauen. Das kostet aber viel Zeit. Trotzdem scheint man bei Mercedes darüber nachzudenken, diesen Schritt zu tun, wenn es nötig sein sollte – und dann beim Europa-Auftakt in Barcelona mit einer B-Version des aktuellen Autos zu kommen. „Am Ende der Wintertests haben wir unser Auto besser verstanden und haben aufgeholt. Trotzdem sehen wir Ferrari vorn“, meinte Wolff erst vor kurzem – und befand: „Wenn sich ein Aerodynamikkonzept als das bessere abzeichnet, wird beim fünften Rennen in Barcelona oder kurz danach jeder auch damit kommen.“