Frankfurt – Für den um eine Dreiviertelstunde verspäteten Joachim Löw blieb nur noch ein profanes Trinkglas, um sich vor seinem Vortrag zur Lage der Fußballnation einen Kaffee einzuschenken. Alle Tassen waren schon von den Medienvertretern benutzt worden, und ein bisschen hörte es sich dann auch so an, als hätten die Reporter in den unruhigen vergangenen Tagen nicht mehr alle Tassen im Schrank gehabt.
Das passte also schon mal. Löws Verspätung war diesmal sogar begründet. Auch ein Bundestrainer ist vor den Tücken der Deutschen Bahn nicht gefeit, so stieg der 59-Jährige auf halbem Weg aufs Automobil um, ehe er in der DFB-Zentrale die Hintergründe seiner konträr diskutierten Personalentscheidungen erläuterte.
Da hockte einer auf dem Podium, der die ganze Aufregung um die Verabschiedung seiner drei Weltmeister Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller nicht recht verstand. Tenor: Er finde es „befremdend, wenn manche über Respekt und Wertschätzung urteilen, obwohl sie gar nicht beim Gespräch dabei waren“. Auch Fragen des Stils wehrte Löw routiniert ab. Die persönliche Unterrichtung der verdienten Männer, die ihm „emotional sehr schwer gefallen“ sei, habe über allem gestanden; er habe nicht irgendwo in einem Hotel von Fotografen „abgeschossen“ werden wollen und tunlichst vermeiden, dass auf anderen Kanälen „etwas durchsickert“.
Klar, die Troika des FC Bayern sei „wahnsinnig enttäuscht“ gewesen, „aber ich hätte mich geschämt, wenn was durchgekommen wäre“. Genau deshalb habe er neben seinem Trainerteam auch nur Direktor Oliver Bierhoff in seinen Entschluss eingeweiht – nicht jedoch Präsident Reinhard Grindel. Die klare Botschaft an den Verbandschef: „Meine sportlichen Entscheidungen treffe ich autark.“ Bierhoff sei ja das Bindeglied zum Präsidenten. Basta. Ohnehin habe er inzwischen zumindest mit Boateng und Müller nochmal am Telefon gesprochen. Man habe sich der „gegenseitigen Wertschätzung“ versichert.
Die Entscheidung hat laut Bundestrainer Löw auch diesen endgültigen Charakter. „Jetzt im März beginnt ein neuer Zyklus. Ich plane die Qualifikation und die EM ohne diese Spieler.“
Der oft durch fehlende Entschlussfreude aufgefallene Löw will keine Tür-auf-Tür-zu-Taktik verwenden oder allzu viel Interpretationsspielraum geben. „Es wäre ein Eiertanz gewesen, Spielern mit 80, 90 oder 100 Länderspielen zu sagen: Mal sehen, was im Juni ist und wie sich die jungen Spieler entwickeln.“
Eiertanzen will ein Joachim Löw also nicht mehr, sondern den altgedienten Spielern „mit Ehrlichkeit begegnen“. Er stellte zudem noch einmal ausdrücklich klar: „Sie sind nicht verbannt und haben nichts verbrochen.“ Nicht ganz schlüssig vermochte der Südbadener die viel diskutierte Frage über den nicht gerade glücklich erscheinenden Zeitpunkt beantworten. Nach der verkorksten WM in Russland, habe er „auf eine Trotzreaktion“ seiner vermeintlichen Leistungsträger gehofft. Nach der Winterpause hätten er und sein Team reichlich Spiele geschaut und sich deshalb erst dann dafür entschieden, „unerlässliche, unumgängliche Veränderungen“ vorzunehmen. Es gehe sowohl um eine „neue Spielidee“ – mehr Tempo und Dynamik vor allem – und auch darum, „anderen Spielern Verantwortung zu übertragen.“
Andererseits habe es sich um einen Entscheid gehandelt, den man „nicht von heute auf morgen“ treffe. Den verbliebenen Münchnern Joshua Kimmich und Leon Goretzka traut Löw Führungsaufgaben zu. Kimmich habe ihn zudem eigens angerufen und seine kritischen öffentlichen Bemerkungen zur Ausbootung der erfahrenen Teamkollegen erklärt. Alles gut also. Außer die Pünktlichkeit der Bahn.