Hannovers zorniger Trainer

Dolls Wut

von Redaktion

MARC BEYER

Eines der vielen Probleme des Trainers Thomas Doll – und nicht das kleinste – besteht darin, dass das Internet nichts vergisst. Mit wenigen Klicks landet man bei jenem Filmchen aus dem April 2008, als der Trainer eine Wutrede für die Ewigkeit hielt. Der Clip dauert rund drei Minuten und besteht im Wesentlichen aus Medienkritik. Dolls Kernsatz, den er alle naselang zitiert, lautet: „Da lach ich mir den Arsch ab.“

Elf Jahre später kann man sich noch immer nur wundern. Darüber, dass Doll tatsächlich mal Trainer von Borussia Dortmund war. Dass es danach noch drei Wochen dauerte, ehe er entlassen wurde. Und vor allem darüber, dass er bis heute aus seinem unseligen Auftritt nichts gelernt hat, obwohl er teuer dafür bezahlen musste.

Mit seiner Arsch-ab-Rede hat sich Thomas Doll damals um Kopf und Kragen geredet. Mehr als zehn Jahre war er danach auf dem deutschen Trainermarkt nicht mehr vermittelbar, seine Stationen in dieser Zeit hießen Genclerbirligi, Al-Hilal und Ferencvaros Budapest. Seit Ende Januar ist er nun in Hannover im Amt, aber auch dort macht er immer noch die gleichen Fehler. Nur anders.

Zugute halten konnte man ihm in Dortmund immerhin, dass er sich vor die Mannschaft stellte. In Hannover hat er hingegen seine Spieler auf eine Weise bloßgestellt („Jeder sollte sich schämen“, „Es heißt Mann gegen Mann, nicht Mann gegen Schüler“), wie man es selbst in dieser schrillen Branche selten erlebt. Die selben Spieler sollen ihm im Abstiegskampf aber weiter folgen.

Erstaunlicherweise ist nun nicht mangelnder Einsatz das Problem. Das liegt vornehmlich beim Trainer, der weiter wütet, diesmal gegen den Schiedsrichter, und auch sonst nicht wirkt, als sei er noch Herr der Lage. Weder bekommt Doll die Hannoveraner Defensivschlampereien in den Griff noch vermittelt er den Eindruck, einen Plan zu haben, mit dem man sich vielleicht doch noch retten kann, irgendwie. Alles an ihm ist pure Panik und Eskalation, und das in einer Lage, die Besonnenheit und einen klaren Kopf verlangt. Sollte auch das nächste Spiel gegen den Tabellennachbarn Schalke schiefgehen, wird es richtig eng. Für 96, vor allem aber für seinen dauererzürnten Trainer.

marc.beyer@ovb.net

Artikel 1 von 11