München – Im Ziel wurde es noch einmal laut. Felix Neureuther deutete eine Verneigung an, nachdem er gestern zum letzten Mal in seiner Ski-Karriere über die rote Linie gefahren war. Dann kam Viktoria Rebensburg mit Schampus-Flasche herbeigeeilt, um Neureuther feuchtfröhlich im Kreise der Kollegen aus den anderen Nationen zu verabschieden. „Es wird einem so richtig klar, dass ein neues Kapitel beginnt. Das ist nicht so ohne“, sagte Neureuther im ZDF.
Er hatte diesen letzten Auftritt, diesen letzten Slalom, ernst genommen, wollte nicht in Tracht wie zuvor die Schwedin Frida Hansdotter mit einer Gaudifahrt die Karriere beenden, sondern mit einer guten Leistung. Als Siebter schaffte er beim Weltcup-Finale in Andorra sogar sein bestes Saisonresultat – nicht mehr als ein Randaspekt in diesem emotionalen Moment.
Einen Tag zuvor hatte Neureuther seinen Entschluss in den sozialen Medien mitgeteilt, seine Karriere mit dem Weltcup-Finale – nicht ganz unerwartet – zu beenden, eine gute Woche vor seinem 35. Geburtstag. „Mein Herz und vor allem mein Körper haben mir in den letzten Monaten deutlich zu verstehen gegeben, dass es an der Zeit ist, dieses für mich so wunderschöne Kapitel Skirennsport zu beenden“, schrieb er. Gereift ist die Entscheidung in den vergangenen Wochen, es war „ein Prozess, der schon etwas länger gedauert hat“.
Der deutsche Wintersport verliert nicht nur einen noch immer sehr guten Skirennläufer, sondern vor allem auch sein größtes Aushängeschild. Alpinchef Wolfgang Maier spricht von Neureuther als „Galionsfigur“, den der DSV nun verliert. „Er hat eine Strahlkraft, da können andere einpacken.“
Als 18-Jähriger setzte Neureuther ein erstes Ausrufezeichen bei der WM 2003 in St. Moritz – sportlich, weil er im Slalom mit Bestzeit im zweiten Durchgang überraschte, aber vor allem als sympathischer Typ mit viel Humor und der Gabe, Menschen zu begeistern.
Er hat stets den schwierigen Spagat zwischen Distanz und Nähe in der Öffentlichkeit stets hinbekommen. Als Star seiner Branche weckte er die Begehrlichkeit, den Menschen hinter dem Sportler kennenzulernen. Auf den sozialen Medien gab Neureuther kleinere Einblicke in das Privatleben, ohne sich aber vereinnahmen zu lassen. Felix Neureuther blieb Felix Neureuther, im Erfolg wie im Misserfolg.
Dabei stand er aufgrund seines Namens früh im Mittelpunkt. Als Sohn von Doppel-Olympiasiegerin Rosi Mittermaier und dem ehemaligen Weltklasse-Slalomläufer Christian Neureuther galt er bereits als Versprechen für das damals gerade an Siegfahrern arme deutsche Ski-Team, als er sportlich noch ein Stück entfernt war von den Besten. Die Familienbürde lastete oft schwer auf ihm, aber er ließ sich dies kaum anmerken. Neureuther war der Gaudibursche, der das Herz am rechten Fleck hat.
Dass Neureuther erst mit knapp 26 seinen ersten Weltcup-Sieg schaffte, lag aber nicht nur am Druck, an der Erwartungshaltung. Neureuther nahm wie das Leben auch den Sport bisweilen ein bisschen zu locker. Konditionstraining war für ihn lange Zeit ein Übel, vor dem er sich drückte, wenn es ging.
Seine Karriere nahm erst richtig Fahrt auf, als er die Notwendigkeit erkannte, sich auch einmal zu quälen. Der erste Sieg 2010 in Kitzbühel war wie eine Erlösung für ihn. Der Papa, der selbst 31 Jahre davor auf dem Ganslernhang triumphiert hatte, fiel dem Sohn mit Tränen in den Augen um den Hals „Emotionaler geht’s nicht mehr“, sagte Felix Neureuther. „Das war eigentlich der Moment meiner Karriere.“ So richtig nahm die allerdings erst Fahrt auf, als sich Neureuther 2011 entschied, die Skimarke zu wechseln. In seiner Bilanz stehen heute unter anderem 13 Weltcup-Siege und 41 Podestplätze. So tritt er als erfolgreichster deutscher Skirennläufer ab – trotz seiner verpatzten Auftritte bei Olympischen Winterspielen mit dem Höhepunkt 2014, als er auf der Anreise zum Münchner Flughafen mit der Leitplanke kollidierte und deshalb verspätet und mit Halskrause in Sotschi landete. „Ich habe immer wegschieben wollen, dass der Tag kommt, an dem er aufhört“ , sagte Alpinchef Maier. Nun gibt es nichts mehr wegzuschieben.