Wie ein Eigentor

von Redaktion

Der Brexit wirkt sich auch auf das Allerheiligste der Engländer aus: den Fußball

VON SARAH NEDER

London – Es ist ein historisches Ereignis. Im Sommer vergangenen Jahres teilte der Premier-League-Verein Tottenham Hotspurs mit, für die neue Saison keine zusätzlichen Spieler einzukaufen. Der Club ist damit der erste seit der Einführung der Transferphase 2003, der auf einen Neuzugang verzichtet. Warum diese Nullrunde? Gegenüber der britischen Tageszeitung „The Guardian“ begründete Tottenham-Trainer Mauricio Pochettino die Entscheidung mit Großbritanniens Austritt aus der EU. „Wir haben ein Stadion für fast eine Milliarde Pfund gebaut. Durch den Brexit wurde es 30 Prozent teurer. Das ist eine riesige Investition.“

Die englischen Top-Vereine fürchten nicht nur die finanziellen Auswirkungen des Austritts, sondern auch die personellen. Die Premier League ist eine der internationalsten Fußballligen der Welt. 262 ausländische Spieler kicken zurzeit in den 20 Vereinen, darunter viele europäische Stars wie der Deutsche Leroy Sané, der Belgier Kevin de Bruyne oder der Niederländer Virgil van Dijk. Bisher konnten die Fußballclubs solche Hochkaräter ohne besondere Auflagen unter Vertrag nehmen. Wenn England bald nicht mehr Teil der europäischen Handelszone ist, wird das komplizierter.

Momentan müssen Fußballer aus Nicht-EU-Ländern beispielsweise für ihre Arbeitsgenehmigung an mindestens 60 Prozent aller internationalen Spiele beteiligt sein. Das könnte nach dem Brexit auch auf europäische Profis im Vereinigten Königreich zutreffen. Besonders stark wirkt sich der Brexit auf minderjährige Spieler aus dem EU-Ausland aus. Bisher konnten 16- und 17-jährige Talente ohne Probleme bei englischen Clubs Verträge annehmen. Wenn Großbritannien aus dem europäischen Staatenbund austritt, gilt diese Regelung nicht mehr, denn laut Artikel 19 der FIFA-Transferrichtlinien dürfen Minderjährige nicht zu Vereinen außerhalb der EU wechseln.

Für die Premier League ist das nicht nur im Hinblick auf junge Neuzugänge erschütternd. Auch die Kaderschmieden werden die Folgen des Brexits spüren: Rund 20 Prozent der Teilnehmer britischer Fußballakademien kommen momentan aus dem europäischen Ausland.

Während die Premier League sich um ihre internationalen Spieler sorgt, wittert mancher in dieser Situation die Chance, englische Talente stärker zu fördern. So will die Football Association (FA) nach dem Brexit die Höchstzahl der ausländischen Spieler je Mannschaft reduzieren. Momentan können die Vereine bis zu 17 nicht-englische Fußballer in ihre 25-köpfigen Kader aufnehmen. Die FA strebt laut „Guardian“ ein Maximum von 13 ausländischen Spielern pro Mannschaft an.

Für die Premier League wäre eine solche Begrenzung wie ein Eigentor. Denn: Weniger ausländische Spieler bedeutet weniger ausländische Fans. Einbußen bei TV-Geldern, Werbeartikeln und Ticketverkäufen könnten die Premier League massiv betreffen. „Der Zugang zu talentierten Fußballern aus ganz Europa spielt eine wichtige Rolle für das Wachstum der Premier League“, heißt es in er Stellungnahme der Premier League. Durch sie sei das globale Interesse signifikant gestiegen. Offenbar laufen Gespräche der Liga-Chefs mit der Regierung. Man habe hingewiesen auf die „vielen kulturellen und wirtschaftlichen Vorteile, die eine international beliebte Premier League für das Vereinigte Königreich mit sich bringt“.

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