München – Der Winter ist fast vorbei, der Weltcup im Skilanglauf in ein paar Tagen Geschichte. Rein sportlich zumindest. Aber die Ereignisse der Saison haben ein Nachspiel. Die Doping-Razzia im Rahmen der „Operation Aderlass“ während der Nordischen Ski-WM in Seefeld Ende Februar hallt nach – und wird dies noch länger tun. Kai Gräber, als Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping München mit den Ermittlungen befasst, spricht von einer „spannenden Geschichte, bei der es täglich neue Wendungen gibt und längst nicht alle Kapitel geschrieben sind“.
Im Februar waren bei dem Thüringer Sportart Mark S. mehr als 40 Blutbeutel beschlagnahmt worden, neben dem Mediziner hatten die Ermittler drei weitere Personen festgenommen. Neun Sportler, darunter der österreichische Langläufer Johannes Dürr, der die „Operation Aderlass“ mit seinen Aussagen ins Rollen gebracht hatte, sowie seine beiden Landsleute aus dem Radsport, Stefan Denifl und Georg Preidler, hatten ihre Beteiligung an dem Netzwerk von Mark S. gestanden.
Nun, ein paar Wochen später, gibt es neue Ermittlungsergebnisse. Am Montag sei ein weiterer Verdächtiger aus dem Erfurter Doping-Netzwerk festgenommen worden, teilte Gräber mit. Außerdem wurden bei der Auswertung der bei Schmidt gefundenen Blutbeutel 21 Athleten aus acht europäischen Ländern ermittelt. Von 2011 bis zur WM in Seefeld seien an den betroffenen Sportlern „eine dreistellige Anzahl von Blutentnahmen und -rückführungen vorgenommen worden, sagte der Oberstaatsanwalt. Die 21 Athleten, unter denen sich „ein kleiner Prozentsatz Frauen befinde, kämen aus fünf Sportarten, „darunter sind drei Wintersportarten.“ Kassiert hat der Erfurter Arzt pro Sportler in einer Saison „zwischen 4000 und 12 000 Euro“, wie Gräber bestätigt.
Der Vergleich mit dem Dopingskandal Fuentes 2006, in den unter anderem über 50 Rad-Profis involviert gewesen waren, ist für Gräber zulässig. „Bei Fuentes waren es mehr Blutbeutel, aber dafür werden wir vielleicht mehr Athleten ermitteln.“
Namen wollte der Münchner Oberstaatsanwalt nicht nennen, ebenso wenig die acht betroffenen Nationen sowie die Sportarten. Die Bluttransfusionen seien „weltweit“ vorgenommen worden, darunter in Südkorea, wo im vergangenen Jahr die Olympischen Winterspiel stattgefunden hatten, und Hawaii. Dort wird jedes Jahr der Ironman ausgetragen, und somit dürfte neben Langlauf und Rad Triathlon als dritte Sportart feststehen, aus der die in den Fokus der Ermittler geratenen Athleten kommen.
Rund 1200 Mails müssen noch ausgewertet werden. Nach den Erkenntnissen der Ermittler hat das Erfurter Netzwerk nicht nur Eigenblut-Doping betrieben. Gefunden wurden bei der Razzia auch Wachstumshormone und andere Präparate, deren Wirkung noch nicht ermittelt wurde. An jedem der 21 verdächtigen Sportler, so Gräber, seien „zehn bis fünfzehn Dopingpraktiken durchgeführt worden“,
Der Erfurter Sportarzt hatte in einer Lagergarage unter anderem teure Geräte zur Sammlung von Blutkomponenten, sogenannte Blutzentrifugen, und einen Apparat zum Auftauen der tiefgefrorenen Blutbeutel deponiert. Mark S. hatte das Equipment zum Teil dem österreichischen Sportmanager Stefan Matschiner abgekauft, der diese unter anderem für das Blutdoping von Radprofis eingesetzt hatte.