Bevor die deutschen Fußballer heute zum Länderspiel nach Amsterdam aufbrechen, steht noch eine Werksbesichtigung auf dem Programm. Der neue Hauptsponsor VW will einen Gegenwert für sein Investment, nur deshalb hat es das DFB-Team überhaupt nach Wolfsburg verschlagen. Der Ortstermin wird sicher ein paar nette Bilder abwerfen. Vor allem aber dient er als Metapher für den Zustand des deutschen Fußballs.
Die Nationalmannschaft befindet sich momentan in einem ähnlichen Stadium wie ein frisch entwickeltes Fahrzeug, das nun noch ausgiebig getestet und zur Serienreife gebracht werden muss. Manches gibt bereits zu schönen Hoffnungen Anlass, an anderen Stellen klemmt es noch empfindlich. Es gibt Bauteile, die sich schon früher bewährt haben, andere stehen frisch auf dem Prüfstand. Und erst nach vielen Testreihen und Probefahrten lässt sich abschätzen, was von dem Modell zu halten ist.
Der teilweise arg zähe Spielverlauf am Mittwoch sollte vor diesem Hintergrund niemanden wundern. Erstaunlicher ist, mit welcher Selbstverständlichkeit die sportliche Leitung davon ausgegangen ist, dass der erste Test weniger rumplig verlaufen würde. Man spiele immer noch „gegen Serbien“, hatte Oliver Bierhoff am Montag erinnert. Nicht gegen einen der Großen, die der DFB-Direktor als einzig gültigen Maßstab zu akzeptieren scheint.
Die selben Serben übrigens, die im Kern auf eine Gruppe von Spielern bauen, die, wie es immer so schön heißt, einer „Goldenen Generation“ angehören. Einige von ihnen wurden 2013 U19-Europameister und zwei Jahre später U20-Weltmeister. Auf dem Balkan entsteht gerade etwas Vielsprechendes, während in Deutschland die Grundlagen für einen neuen Erfolgszyklus erst noch geschaffen werden müssen.
Sich den Serben reflexartig überlegen zu fühlen, ist ebenso überheblich wie unangemessen. Aber auch aufschlussreich. Die Kräfteverhältnisse sind verschoben, doch das Anspruchsdenken ist unverbeult, trotz einer schlimmen WM, einer verunglückten Nations-League-Premiere und eines Neuaufbaus mit schrillen Misstönen. Der Pflichtbesuch bei den Niederländern, die eine tiefe Krise hinter sich haben und den Deutschen als Vorbild dienen könnten, kommt sportlich womöglich zu früh. Wertvoll dürfte er dennoch sein. Und sei es als Crashtest.
marc.beyer@ovb.net