Mannschaft ohne Selbstverständnis

von Redaktion

Das DFB-Team ist wie Wolfsburg: Schöne Ecken gibt es, aber man muss sie finden

VON JAN CHRISTIAN MÜLLER

Wolfsburg – Es gibt, man glaubt es kaum, variable Möglichkeiten, sich in Wolfsburg an einem halben freien Tag die Zeit zu vertreiben. Das monströse Technikmuseum „Phaeno“ ist auch ohne Klassenlehrer einen Besuch wert, die Autostadt zeigt Oldtimer und Avantgarde-Mobile, gleich gegenüber auf der anderen Kanalseite wartet ein voluminöser Factory Outlet geduldig auf Käufer. Auch der nahegelegene Allersee könnte umrundet werden, und in der Innenstadt lockt versteckt die Kneipenmeile mit dem absonderlichen Namen „Kaufhof“. Unbedingt vermieden werden sollte dagegen ein Besuch der Daimlerstraße. Der Mitbewerber hat in der VW-Metropole unverfroren eine sogar beidseitig im Niemandsland endende Sackgasse zugewiesen bekommen. Dort wurde folgerichtig kein deutscher Fußballspieler gesichtet.

Nach dem 1:1 vom Vorabend gegen Serbien hätten die in Mehrzahl noch jungen Männer wohl nichts dagegen gehabt, alsdann fix abzudüsen ins vergnügliche Amsterdam, wo die Niederlande am Sonntagabend in der Johan-Cruyff-Arena den Auftaktgegner zur EM-Qualifikation geben. Der DFB hat in Absprache mit seinem neuen Partner Volkswagen aber entschieden, am Freitag noch eine Werksbesichtigung ins Rahmenprogramm zu schieben, erst am Samstag geht es dann im Charterflieger Richtung Westen. Es soll tunlichst kein Sonnenuntergangs-Trip werden wie noch im Oktober vergangenen Jahres beim 0:3, dem (vorläufigen?) tiefsten Tiefpunkt unter Bundestrainer Joachim Löw.

Der Bewahrer ist danach erst betulich, dann mit zunehmender Radikalität zum Erneuerer geworden, ein erstes Zwischenergebnis der deutschen Fußball-Renaissance war gegen Serbien zu besichtigen. Dass die Bastelarbeiten an einer runderneuerten Mannschaft nicht durch eine bloße Personalrochade zu bewerkstelligen sind, kann niemanden überrascht haben. Es ging in der ersten Halbzeit reichlich wild zu, keiner wusste so recht, wohin der andere jetzt wohl laufen würde. Oder, wie es der später eingewechselte Ausgleichstorschütze Leon Goretzka im Profi-Neudeutsch formulierte: „Wir haben zu viel in Räumen gespielt, die uns keinen Ertrag gebracht haben.“ Mit Marco Reus musste erst ein bald 30-Jähriger kommen, um dem Spiel mehr Struktur zu geben, so dass der Bundestrainer erleichtert feststellen konnte: „In der zweiten Halbzeit hat die Mannschaft ein Signal gesendet.“

Als die Gäste müder und die Räume größer wurden, kam vor allem Leroy Sané auf Touren und spielte den serbischen Abwehrleuten Knoten in die Unterschenkel. Unfassbar, dass Löw diesen vehement ans Eingangstor zur Weltklasse klopfenden Stürmer seinerzeit nicht mit nach Russland genommen hat. Der 23-Jährige hat allem Anschein nach sämtliche serbischen Attacken auf seine körperliche Unversehrtheit so überstanden, dass er in Amsterdam mit von der Partie sein kann. Auch Toni Kroos und Antonio Rüdiger werden dort, ebenso wie der frisch zum „Nationalspieler des Jahres 2018“ gekürte Reus, von Beginn an spielen. Das hat Löw bereits durchblicken lassen und muss jetzt noch überlegen, ob der von einer Erkältung erholte Serge Gnabry ebenfalls dazugehört oder der gegen Serbien seltsam unglückliche Timo Werner eine neue Chance erhält.

Es ist eine ziemliche Fummelarbeit für den Bundestrainer, der in dieser Konstellation auf keinerlei fundierte Erfahrungen zurückgreifen kann. Ilkay Gündogan hat es nach der Sowohl-als-auch-Darbietung gegen bestens organisierte Serben gut beschrieben: „Das Selbstverständnis, das, was diese Mannschaft über Jahre ausgemacht hat, ist leider aufgrund der Negativerlebnisse in den vergangenen Monaten nicht da. Das ist, glaube ich, verständlich. Das wollen wir so schnell wie möglich wiedererlangen.“

Mit 24,7 Jahren im Schnitt war die deutsche Startelf rund drei Jahre jünger als das Team, welches zum WM-Auftakt gegen Mexiko naiv wie eine Jugendbolztrupppe ins Verderben rannte und unfreiwillig die Basis für eine trostlose Weltmeisterschaft schuf.

Das Fehlen konstruktiver defensiver Absicherungsmechanismen war indes auch in Wolfsburg unverkennbar und sollte tunlichst gegen die Niederlande besser funktionieren. Die Drucksituation aufgrund der jüngeren Vergangenheit ist unverkennbar. Jonathan Tah berichtete dieser Tage, der Bundestrainer habe ihnen aufgetragen, den „Druck und die Erwartungen aus dem Kopf“ zu verbannen. Eine knifflige Angelegenheit, denn jeder Fußballspieler weiß: Das komplexe Gehirn will nicht immer so wie der schlichte Verstand. Zumal am Sonntagabend das ganze Land mit einem mutmaßlich sehr kritischen Blick zuschauen wird. Schon in Wolfsburg war zu spüren, dass auch einer jungen Nationalmannschaft von den Fans nicht viel Kredit zugesprochen wird. Zu viel hat sich abgenutzt im Verhältnis der Deutschen zu der „Mannschaft“, deren Imagewerte sich momentan wohl ungefähr auf Wolfsburg-Niveau bewegen. Irgendwo zwischen Industriegebiet Daimlerstraße und mondäner Autostadt.

Sané übersteht sämtliche Attacken

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