„So ratlos war ich seit 50 Jahren nicht“

von Redaktion

Der lähmende Gesellschafterstreit sorgt vor allem bei Altlöwen wie Franz Hell für Verdruss

VON ULI KELLNER

München – An das Hinspiel in Meppen, einem von Altlöwen kultisch verehrten Spielort (Aufstieg 1994), hat Franz Hell, 65, keine guten Erinnerungen. „Die wollten den Sieg einfach mehr“, sagt der Allesfahrer über den leidenschaftlich kämpfenden Gastverein: „Wie am letzten Samstag in Würzburg.“

Anfang Oktober war Aufsteiger 1860 als Tabellenachter ins Emsland gereist – in Würzburg vor sechs Tagen wäre sogar der Sprung auf Platz fünf möglich gewesen. 0:1 hieß es nach einem uninspirierten Auftritt in Meppen, 1:2 nach 90 schlappen Minuten in Würzburg. „Es ist das alte Übel bei uns“, sagt Hell mit einer Mischung aus Chronisten-Sachlichkeit und Allesfahrerfrust: „Man gibt sich leider viel zu schnell mit dem Erreichten zufrieden.“

Sportliche Bestandsaufnahmen sind aber nicht der größte Störfaktor im Leben des treuen Löwen-Begleiters. Es ist der ewige Gesellschafterstreit, den kein Mensch mehr verstehen kann, der nicht wie Hell „täglich zig Anrufe“ erhält – von Leidensgenossen aus beiden Lagern. Und selbst der weißblaue Telefonseelsorger steigt langsam aus. „So ratlos wie zurzeit war ich seit 50 Jahren nicht“, sagt Hell.

Die eine Seite jammert, weil der Verein lieber sportliche Tristesse in Kauf nimmt, als Geld von Hasan Ismaik anzunehmen und somit die Abhängigkeit vom Investor zu vergrößern. Die andere Seite klagt gar nicht so sehr in der Öffentlichkeit, doch auch den Ismaik-Gegnern kann es ja nicht gefallen, dass bald womöglich Publikumslieblinge verkauft werden müssen, um finanziell irgendwie über die Runden zu kommen. Hell hat sich politisch klar positioniert – ihm steht Ismaik-Sprachrohr Saki Stimoniaris („Ich wäre der viel bessere Präsident“) näher als das aktuelle Vereinsoberhaupt Robert Reisinger, der sich am Haushaltsplan einer „schwäbischen Hausfrau“ orientiert. Am liebsten jedoch wäre es Hell, wenn der tiefe Spalt, der sich durch seinen Verein zieht, endlich mal gekittet würde. „Man müsste einfach mal miteinander reden“, sagt er und seufzt: „Leider haben wir nicht nur eine zerrissene Führung, sondern inzwischen auch eine zerrissene Anhängerschar, die in ihren gegensätzlichen Positionen immer verbohrter wird.“

Hat er Angst, dass er mit seinem Allesfahrerbus bald wieder Schalding-Heining und Garching ansteuern muss statt Kaiserslautern und Rostock? „Die Befürchtung ist schon da“, sagt Hell und gibt zu bedenken, dass es schon jetzt sportlich düsterer aussehen könnte – wenn nämlich Ismaiks „Finanzspritze“ für Verstärkungen wie Stefan Lex abgelehnt worden wäre: „Wir haben schon ein paar gute Junge, die nachrücken können“, sagt Hell: „Aber ob das reicht in der 3. Liga, wo der Tabellenletzte Aalen bis kurz vor Schluss bei uns geführt hat?“ Der leidende Langzeitlöwe erinnert an Aussagen des Präsidiums aus dem Sommer nach dem Aufstieg: „Ursprünglich wurde gesagt, das erste Jahr ist zur Konsolidierung da, im zweiten wird angegriffen. Das hört sich inzwischen deutlich anders an – aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann.“ Genauso wenig wie das jüngste Schreiben von Reisinger und Co.: „Jetzt haben wir wieder einen dieser ominösen Dreijahrespläne, die ich so liebe.“ Und ganz im Ernst: „Im Moment schaut’s nicht so aus, als ob es in absehbarer Zeit wieder nach oben gehen sollte.“

Wahrscheinlich hatte Hell kein konkretes Datum im Sinn, als er stöhnte, er sei seit 50 Jahren nicht mehr so ratlos gewesen. Aber, lehrt die Vereinsgeschichte: Am Ende der Saison 1969/70 stieg 1860 erstmals aus der 1. Liga ab.

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