Da sage noch einer, es gibt sie nicht mehr, die positiven Nachrichten aus der Welt des Spitzensports. Nein, wir meinen nicht die Razzia-freie Biathlon-WM, auch nicht, dass uns der Fußball einen weiteren, sicher brutal aufregenden, bestimmt aber lukrativen Wettbewerb kredenzt, wenn die Bayern bald um die Klub-WM gegen Waitakere kicken. Auch nicht, dass wir dank Leroy Sané endlich wissen, was so ein Jungspund mit den Millionen anstellt, die sie ihm in die Taschen stopfen. Leicht loszuwerden, wenn man sich eine handbemalte Jacke von Balenciaga für 4500 Euro leistet, dazu einen Rucksack von Louis Vuitton für 18 000 Euro trägt, eines der streng limitierten Sneakers-Paare für gut 2000 Euro und dann derart extravagant (oder sollen wir es lieber abgehoben nennen?) beim Nationalteam in der Arbeiterstadt Wolfsburg aufkreuzt.
Es sei Sané gegönnt, was sollte er auch sonst machen mit all dem Geld. Wobei, wir hätten da schon eine Idee. Er könnte es, nur als Beispiel, in die Stiftung von Felix Neureuther stecken. Die hat das ambitionierte Ziel, Kinder der Smartphone-Generation für Bewegung und Sport zu begeistern. Nicht mehr ganz so leicht. Viele hätten zwar bestimmt gern auch mal so ein cooles Outfit wie der Sané, wer aber nur deswegen Sport treibt, wird scheitern. Sport, das postuliert Neureuther, sollte zu allererst richtig Spaß machen. Wenn das der Fall ist, dann erst kommt auch Erfolg.
Das jedenfalls ist seine Erfahrung. Und diese Begeisterung für die Sache hat er sich bewahrt, bis zum Schluss, bis jetzt, da er wegen seines Rücktritts ein noch gefragterer Gesprächspartner wurde. Und das ist die wirklich positive Nachricht dieser Tage: Neureuther hat uns ein anderes, ein zutiefst menschliches, deutlich sympathischeres Gesicht des Spitzensports gezeigt. Er hat uns bewusst gemacht, dass es allen Sanés und Infantinos zum Trotz noch immer Sportler gibt, die bei allen Erfolgen nie den Boden unter den Füßen verlieren. Für die Sport weit mehr ist als ein Tanz ums Goldene Kalb, die der Spaß antreibt, nicht die Aussicht auf große Millionen. Und: die Fehlentwicklungen auch einmal klar benennen, Auswüchse scharf kritisieren.
Die vor allem aber das Wesentliche im Auge behalten. Sport ist ja zunächst einmal eine wunderbare Sache, für die es sich zu kämpfen lohnt und die unsere Kinder begeistern und animieren sollte, sich zu bewegen, Ehrgeiz zu entwickeln, Idolen nachzueifern. Neureuther liegt das am Herzen. Auch deswegen wehrt er sich gegen den ausufernden Gigantismus, gegen den Ausverkauf der olympischen Idee, den Verrat an den Werten des Sports. Neureuther hat sie gelebt, er war als alpiner Skiläufer Individualist, nie aber Egoist, der er vielleicht hätte sein müssen, um wirklich alles aus seinem Talent zu machen. Wichtiger aber waren ihm andere Dinge: Freude, Freundschaften auch zu härtesten Konkurrenten, Offenheit, Geradlinigkeit.
Und dann halt die Kinder. Wenn Neureuther von seinem Sport erzählt, geht es nicht um die Strapazen, an Winterwochenenden frühmorgens aus den Federn zu müssen, auch bei Eiseskälte und widrigsten Bedingungen Ski zu fahren. Sondern um das Privileg, in der freien Natur, in wunderschönen Berglandschaften seinem Hobby, später dem Beruf nachgehen zu dürfen. Um den Sport, der mehr ist als nur ein Kampf um Medaillen, um Zehntel und Hundertstel. Für Neureuther ist er eine Schule des Lebens, die mehr vermittelt als jede herkömmliche Lehranstalt.
Jedes, wirklich jedes Kind sollte die Erfahrung machen dürfen, dafür hat sich Neureuther immer engagiert, noch mehr Zeit will er in der Zukunft dieser Aufgabe widmen. Und das ist eine wunderbare Nachricht. Die dem Sport am Ende viel mehr nutzt als ein weiterer großer Wettbewerb, der allein dem Ziel der Geldvermehrung dient.
Was der Sport von Felix Neureuther lernen kann