Wolfsburg – Die Schlagzeilen aus dem vergangenen Oktober: „Desaster“, „Schlimme Pleite“, „Deutschland geht baden, „Alle Probleme wieder da“, „Nichts hat sich verbessert“. Das war die Tonalität nach dem 0:3 in der Nations League in den Niederlanden. Eine Niederlage, die noch mehr eine Zeitenwende im deutschen Fußball bedeutete als zuvor das Vorrundenaus bei der WM in Russland. Es ist nun in der EM-Qualifikation am Sonntag eine Rückkehr des Grauens nach Amsterdam.
Damals, in der letzten Viertelstunde, nachdem Joachim Löw bereits dreimal ausgewechselt und Jerome Boateng sich eine Muskelverletzung zugezogen hatte, wurde das DFB-Team gnadenlos ausgekontert. In dieser Form war eine deutsche Nationalmannschaft selten zuvor zerlegt und ausgeweidet worden. Schon recht unmittelbar danach war Löw klar geworden, dass er tiefgreifende Maßnahmen treffen musste. Aber bis er sich endgültig dazu durchringen konnte, dauerte es bleierne fünf Monate.
Am Sonntag (20.45 Uhr, RTL) bauen die Niederlande in der Johan-Cruyff-Arena den Prüfstand auf, auf dem die neugeordneten Deutschen sich als wehrhafter als im Herbst erweisen wollen. Aus der Startelf vom 13. Oktober dürften nur noch Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Toni Kroos und Matthias Ginter übrig bleiben. Durch die Verabschiedung von Boateng und Mats Hummels und angesichts der Offensivpower der Niederländer werden die von Löw zu den neuen Abwehrchefs bestimmten Antonio Rüdiger (26) und Niklas Süle (23) gemeinsam mit Ginter (25) besonders unter Beobachtung stehen.
„Es ist klar, dass Niklas Süle und Antonio Rüdiger in der Abwehr jetzt eine wichtige Rolle spielen sollen“, hat der Bundestrainer gerade gesagt und auch eine Dreierkette in Aussicht gestellt. Süle, Rüdiger und Ginter haben reichlich Erfahrung in beiden Varianten gesammelt, alle drei haben bereits als Teenager – Rüdiger und Ginter mit gerade 18, Süle gar mit 17 und noch dazu mitten im Abstiegskampf – ihre Bundesligadebüts erlebt. Alle drei haben sich bald derart prächtig entwickelt, dass sie zu großen Klubs transferiert wurden: Rüdiger von Stuttgart über den AS Rom zum FC Chelsea, wo er inzwischen als Publikumsliebling gilt; Ginter vom SC Freiburg über Dortmund nach Mönchengladbach, wo er zu einem unumstrittenen Anführer geworden ist; Süle von der TSG Hoffenheim zum FC Bayern, wo er Hummels und Boateng überholt hat.
Gemeinsam gehörten sie im Sommer 2017 dem Confed-Cup-Titelkader an und verteidigten gemeinsam in einer Dreierkette beim 3:0 im Test gegen Russland im vergangenen November. Alle drei, allen voran Rüdiger, verfügen neben körperlicher Robustheit und einem starken Kopfballspiel über Grundschnelligkeit. In der Spieleröffnung, die der Bundestrainer weiterhin als Flachpassspiel pflegen will, bewegen sich Ginter und Süle nahezu auf Niveau von Hummels und Boateng, Rüdiger neigt bisweilen noch zum schlichteren Bolzball.
Der Sohn eines deutschen Vaters und einer Mutter aus Sierra Leone, in armen Verhältnissen mit vier Geschwistern in Berlin-Neukölln aufgewachsen, neigte in seinen Anfangsjahren als Profi zu ungehobelter Zweikampfführung und ließ sich zu Tätlichkeiten reizen. Das hat er abgestellt. „Ich wäre fast in eine Rambo-Schublade geraten. Aber ich habe bewiesen: Wenn ich es will, kann ich mich beherrschen.“ Zudem, berichtet das einstige Ghetto-Kid, habe ihm seine Mutter gesagt, Gott sehe alles. „Das hat mir geholfen“.
In der Nationalmannschaft gilt Rüdiger ein wenig als Einzelgänger, der am liebsten allein im Zimmer auf der Playstation spielt und über den sich die Mitspieler auch mal lustig machten. Die EM 2016 verpasste er, weil er sich im ersten Training einen Kreuzbandriss zuzog, war aber aufgrund seiner überragenden körperlichen Konstitution nach viereinhalb Monaten wieder fit. Er nutzte die Zeit für eine Reise in die Heimat seiner Mutter und war beeindruckt. Dank seiner Auslandsjobs spricht er fließend Italienisch und Englisch.
Zudem setzte er sich öffentlich wiederholt gegen Rassismus ein. Den Abschied von Mesut Özil bedauerte er, als einer der wenigen ehemaligen Mitspieler, ausdrücklich: „Ich finde es extrem traurig, wie sich das entwickelt hat. Mesut war im DFB-Team immer ein Spieler, zu dem ich aufgeschaut habe.“ Im Grunde ist Rüdiger nämlich kein Typ, der zu anderen aufschaut. Außer zu Gott.
Auch Süle musste wegen eines 2014 erlittenen Kreuzbandrisses mehr als 200 Tage aussetzen und zog daraus die Konsequenz, besser auf seinen Körper und seine Ernährung zu achten. Da hatte der gebürtige Frankfurter, der die Nächte seiner Kindheit in Eintracht-Bettwäsche verbrachte, es früher schleifen lassen. „Aber ich versuche auf jeden Fall, meine Lockerheit zu behalten“, sagt Süle. Von Hummels und Boateng habe er „viel gelernt“, auch dann, wenn er nicht spielt. „Ich bin keiner, der dann mit einer Fresse rumläuft.“
Das hat auch Matthias Ginter nie getan, als er weder bei der WM 2014 noch 2018 zum Einsatz kam. Er ist ein strebsamer junger Mann, in Mönchengladbach immer der erste im Kraftraum. Aber er ist deshalb kein Nerd, der über den Fußball nicht hinauszudenken weiß. Vor einem Jahr hat er eine Stiftung gegründet, die benachteiligte Kinder im Raum Freiburg unterstützt. Über seine sportlichen Perspektiven sagt Ginter selbstbewusst: „Ich bin bereit für mehr. Und ich will in Zukunft nichts vom Bundestrainer geschenkt bekommen.“ Er kann sicher sein: So wie Joachim Löw derzeit drauf ist, wird das nicht passieren.