Amsterdam – Mitunter reicht ein kleiner Zettel: handgeschrieben, nicht mal handgroß. Das Erinnerungsstück blieb am 19. November vergangenen Jahres in der Arena auf Schalke zurück, aber es dokumentiert auf seine Weise die Entwicklung des niederländischen Fußballs. Nur die Vornamen der zehn Feldspieler standen drauf, dazu deren taktische Anordnung in einem 3-2-3-2-System, um damals den 0:2-Rückstand gegen Deutschland noch aufzuholen. Es lief der letzte Spieltag der Nations League und die Niederlande benötigten ein Remis, m sich den Gruppensieg abzuholen.
Das Besondere auf dem Karopapier: Der Vorname Virgil stand ganz oben und war unterstrichen: Virgil van Dijk, diesen Verteidigerhünen des FC Liverpool, hatte Bondscoach Ronald Koeman für die Aufholjagd nach vorne beordert. Mit Erfolg: „Stürmer“ van Dijk drückte in der Nachspielzeit den Ball zum 2:2 über die Linie und bescherte seiner Elf die Teilnahme an der Nations-League-Endrunde. Notfalls nutzt der holländische Fußball eben auch die Brechstange als Stilmittel.
Ein gewisser Pragmatismus zählt zu den hervorstechenden Merkmalen der Renaissance in Orange. Es brauchte allerdings erst eine verpasste EM (2016) und WM (2018), um sich neu zu erfinden. Der vor 13 Monaten installierte Koeman (56) hat für den Aufwärtstrend eine einfache Erklärung: „Ich glaube, Talent tritt in Zyklen auf, jedenfalls gibt es keine unerschöpfliche Quelle. Holland hatte über weite Strecken außergewöhnliche Spieler, aber kleinen Ländern wie uns muss klar sein, dass es immer auch magere Zeiten geben wird.“ Was allerdings einem fußballbegeisterten Völkchen wie den Holländern nur schwer zur vermitteln war.
Als stimmungsvollstes Erweckungserlebnis der jüngeren Vergangenheit gilt das erste Nations-League-Duell mit dem zeitweise weit enteilten Nachbarn. Das zweite Oktober-Wochenende 2018 haben die Fußballfans aus Amsterdam bis heute nicht vergessen: Es herrschte prächtiges Spätsommerwetter, das Grachtenfestival hatte Abertausende Touristen angelockt – und diese ausgelassene, fröhliche Atmosphäre entlud sich in der Johan Cruijff Arena zum mitreißenden Freudenfest, als van Dijk, der überragende Memphis Depay und Giorginio Wijnaldum die torkelnden Deutschen sturmreif geschossen hatten. Endlich einmal mussten nicht die beleuchteten Bilder aus den ruhmreichen Tagen zwischen den Rolltreppen des schicken Stadions angeschaut werden, um sich in ein Hochgefühl zu versetzen.
Koeman profitiert davon, dass ihn die Topclubs besser versorgen als seine Vorgänger. Nicht zufällig hat es Ajax Amsterdam mit einer Gala gegen Real Madrid ins Viertelfinale der Champions League geschafft. Mit Abwehrass Matthijs de Ligt, Linksverteidiger Daley Blind und Mittelfeldhoffnung Frenkie de Jong sind drei Ajax-Kräfte auch Stammspieler im Nationalteam, das die Pflichtaufgabe zum Start in die EM-Qualifikation gegen Weißrussland (4:0) souverän erledigte. Wie schon gegen Deutschland war vor allem der Irrwisch Depay nicht zu halten, der sich mit zwei Toren und zwei Vorlagen zum Matchwinner aufschwang. Gleichwohl war Koeman nicht richtig zufrieden. Offen rügte er die vielen „hakballetjes“, die vielen Hackentricks. Aus seiner Sicht eine unnütze Spielerei.
Ansonsten lebt Koeman eine angenehme Gelassenheit vor. Alte Feindschaften, die er selbst nach dem EM-Halbfinale 1988 mit einer obszönen Trikotgeste aufleben ließ, stachelt der Libero der Generation Gullit-Rijkaard-van Basten nicht mehr an. „Ich habe das Gefühl, dass es generell wieder aufwärts geht.“ Und wenn es mal hakt, gibt es ja noch die Allzweckwaffe van Dijk. Am Donnerstag setzte der wieder den Schlusspunkt. Ganz ohne Zettel.