München – Vor einer Woche hat Felix Neureuther nach 16 Jahren als Skirennläufer, 13 Weltcup-Siegen, fünf WM-Medaillen und vielen Verletzungsproblemen seinen Rücktritt erklärt. Der bald 35-Jährige aus Garmisch-Partenkirchen spricht über das gerade zu Ende gegangene und sein neues Leben.
Wie haben Sie Ihre ersten Tage als Skirennfahrer a.D. verbracht?
Anstrengend war es. Gleich nach der Saison hast du ja immer relativ viel zu tun, weil du im Winter viele Termine nicht wahrnehmen kannst. Da konzentriert sich dann alles auf die Zeit gleich nach der Saison. Die Woche war wirklich jeden Tag etwas anderes los. Am Samstag bin ich noch im Aktuellen Sportstudio in Mainz und dann starte ich bei den internationalen Zollmeisterschaften.
Also fühlen Sie sich noch gar nicht als Ski-Rentner?
Ich kann es noch gar nicht so richtig greifen. Als ich am Mittwoch mit den Schülern beim Skifahren war und hinter den Kindern hergefahren bin, habe ich mich ertappt, dass ich gedacht habe, da muss man den Innenski schöner mitnehmen und da die Hüfte. Da war ich noch voll im Skirennfahrer-Modus.
In dieser Woche gab es noch einen Rücktritt im Deutschen Skiverband. Ihr bisheriger Cheftrainer Mathias Berthold hört auf. Wie wichtig war er für Sie?
Metti (Spitzname von Berthold, d. Red.) war extrem wichtig, weil er zum einen ein unglaublich guter Typ ist und zum anderen uns geformt hat über die Jahre. Ohnehin hätte sich das Männerteam sicher nicht so entwickelt. Er war ein extremer Förderer und Unterstützer, aber auch ein kritischer Hinterfrager.
Sie haben davon gesprochen, dass Sie das Leben außerhalb dieser Blase kennenlernen müssen. Ist die Blase Skirennsport tatsächlich so groß?
Ich meinte damit eher die Verletzungs-Blase. Bisher war es so, dass es nach einer kurzen Pause im Frühjahr sehr schnell wieder weiterging mit Buckeln und Schuften. Dann zwickt es gleich wieder. Es war eben ein permanenter Kampf mit dem Körper. Ich bin neugierig, wie es sein wird, wenn ich im Sommer nicht mehr auf dem Gletscher bin, wie mein Körper reagiert. Die Zeit zur Regeneration braucht er definitiv. Deshalb hoffe ich, dass ich in naher Zukunft irgendwann wieder so herumhüpfen kann, wie es für einen Mitte-Dreißig-Jährigen üblich sein sollte.
Wird man Felix Neureuther künftig beim Touristen-Skifahren auf der Kandahar begegnen?
Ja, und das erste, was ich mir kaufe, sind Skischuhe in Größe 50, denn ich will nie wieder einen Skischuh haben, der drückt. Mir sind immer zweimal im Jahr die Zehennägel abgefallen, mit Aufbohren, also volles Programm. Darauf habe ich keine Lust mehr. Ich werde mich also mit einem bequemen Skischuh und einem altersgerechten Ski ausstatten und dann wedle ich schön runter.
Was wird Ihnen am meisten fehlen von Leben als Skirennläufer?
Das Gefühl, am Start zu stehen, die Anspannung zu spüren, und auch die Erlösung, die Erleichterung, wenn du es ins Ziel gebracht hast. Und natürlich die Jungs, die Kollegen.
Was war das schönste Erlebnis in den 16 Jahren imWeltcup ?
Das eine sind natürlich die emotionalen Momente, die man als Sportler bei Erfolgen erlebt. Das andere, dass du Dinge erlebt hast, die sonst keiner erleben wird. Zum Beispiel, als ich mit Ted Ligety während eines Sommer-Trainingslagers mit den Autos über eine Rampe gesprungen bin. Da haben wir uns in Neuseeland auf einem ausgetrockneten Flussbett eine Schanze gebaut und sind mit alten 400- bis 500-Dollar-Autos drüber gesprungen. Das hat uns auch als Konkurrenten zusammengeschweißt, darüber werden wir noch in 30 Jahren lachen.
Freuen Sie sich auf die Normalität nach der Karriere?
Wenn du im Weltcup unterwegs bist, bewegst du dich natürlich in einer sehr schönen, aber eben anderen Welt. Aber das Leben daheim empfand ich immer als ganz normal. Da stand die Familie an erster Stelle, nicht der Skisport. Ich habe die gleichen Freunde, seitdem ich vier, fünf Jahre alt bin. Deshalb habe ich hier in Garmisch-Partenkirchen immer ein Stück Normalität gehabt.
Bei der ehemaligen Biathletin Magdalena Holzer, geborene Neuner, kamen einst regelmäßig Fans vorbei und klingelten sogar an der Tür. Ist Ihnen das auch passiert?
Ein paarmal schon. Aber solange sie nicht die Privatsphäre stören, kann ich damit ganz gut umgehen.
Noch geben Sie nicht konkret preis, was Sie beruflich machen wollen. Aber man kann Sie sich nicht in einem Acht-Stunden-Job am Schreibtisch vorstellen.
Das kann alles kommen. Bisher war mir der Rhythmus vorgegeben. Jetzt muss ich ihn mir selbst suchen. Und es ist ganz wichtig, dass du jeden Tag deinen Rhythmus hast, sonst kommst du auf blöde Gedanken.
Viele würden Sie gerne als Fernseh-Experte sehen. Ist das eine Option?
Ich hätte vielleicht die Möglichkeit dazu, aber wie sich das dann gestaltet, muss man schauen. Für mich geht es ja nicht nur darum, was ich im nächsten Jahr mache, sondern in den nächsten 30, 40, vielleicht 50 Jahren. Ich muss langfristig denken. Aber erst einmal lerne ich, wie das Alltagsleben funktioniert. Ich muss mich zum Beispiel um meine Finanzen kümmern. Bisher hat mir mein Vater da sehr, sehr viel abgenommen.
Ist das jetzt ein weiterer Schritt, sich abzunabeln?
Ja, schon. Der Papa wird jetzt 70, er war für das Familienmanagement zuständig, Und jetzt liegt es an mir, das zu übernehmen. Ich kann von ihm lernen, aber ich muss auch meine eigenen Erfahrungen machen.
Sie haben in Ihrem Abschiedspost in den sozialen Medien am vergangenen Samstag geschrieben, dass der Skisport Ihr Leben bleiben werde. Inwiefern?
Es wäre einfach nur schön, wenn man noch ein Teil davon sein könnte, in welcher Form auch immer. Ich werde sicher nicht ganz von der Bildfläche verschwinden und im nächsten Winter bei einigen Skirennen dabei sein.
Als kritischer Geist, der Sie sind, würden es sicher viele Athleten begrüßen, wenn Sie sich als Funktionär engagieren würden.
Nein, dafür bin ich nicht geschaffen, weil ich zu kritisch bin. Vermutlich würde ich in einem Amt nicht lange überleben, und selbst wenn, würde ich wahrscheinlich nicht viel bewegen können. Wenn, dann müsste man das gesamte System aufbrechen, und das schafft man nicht, weil die ganzen Strukturen zu eingefahren sind.
Das klingt ja nach Resignation.
Ja, das ist traurig. Aber die Angst vor Veränderungen ist viel zu groß.
Zum Abschluss: Gibt es irgendetwas, was Sie schon immer gerne machen wollten, aber als Sportler nie dafür Zeit hatten und das Sie jetzt in Angriff nehmen wollen?
Wir haben uns einen kleinen Bus gekauft, da werden wir sicher mal ein paar Wochen mit unserer Matilda durch Norwegen fahren.
Interview: Elisabeth Schlammerl