Neue Löwen-Spezialität: 1:0-Siege

von Redaktion

Kompaktheit gepaart mit Spielglück ergibt 2019 die Bilanz eines Aufsteigers

VON ULI KELLNER

München – Gerne hätte man gehört, wie Zoe Bierofka die Szene des Tages gesehen hat. Beim Warten auf seinen Kollegen aus Meppen machte sich Daniel Bierofka einen Spaß daraus, sein Töchterlein zu triezen, das in der ersten Reihe saß. „Komm doch nach vorne“, bot der 1860-Coach den freien Platz auf dem Pressepodium an, doch zum einen sträubte sich die 8-Jährige. Zum anderen tauchte Christian Neidhart dann doch noch auf – mit einer schlüssigen Erklärung für seine Verspätung. „Ich hab noch ein wenig mit dem Schiedsrichter geplaudert“, sagte er.

Die Szene, die das Spiel zugunsten des TSV 1860 entschied, hatte jeder im Stadion anders gesehen. War Stefan Lex wirklich elfmeterreif berührt worden, als er nach einer halben Stunde Spielzeit in den Strafraum rannte und hinter sich den Körper des Meppener Rechtsverteidigers Vrzogic spürte? Lex beteuerte seine Unschuld und legte sich fest: „Es war ein klarer Elfer. Ich war ja schon am Torwart vorbei und kann den Ball ins leere Tor hauen.“ Der vermeintliche Sünder David Vrzogic meinte: „Fragwürdig, aber vom Gefühl her treffe ich ihn nicht.“ Die Szene war durch keine Zeitlupen-Einstellung aufzulösen. Und selbst nach der Pressekonferenz sah man, wie die Trainer die Köpfe zusammensteckten und Worte fielen wie: „Fehler“, „zugeben“, „immer das Gleiche“. Der freundliche Neidhart hatte es zuvor abgelehnt, die Schlüsselszene öffentlich zu bewerten. „Meine Urlaubskasse ist begrenzt“, lautete seine Erklärung: „Am Ende des Tages krieg’ ich nur mit meiner Frau Ärger, wenn ich darüber jetzt was sage.“

Während sich die Gäste aus dem Emsland mit einer Kiste Krombacher trösteten, die direkt nach Spielschluss in die Kabine geliefert wurde, sah man vor allem aufseiten der Löwen ausschließlich gut gelaunte Gesichter. „Biero hat uns zum dreckigen Sieg gratuliert“, gab Lex den Inhalt der Nachbesprechung wieder. Phillipp Steinhart, der den Strafstoß wie immer hart, sicher und mit maximal Ruhepuls ins Netz getreten hatte, lächelte. „Vier Schüsse, vier Treffer – die Quote ist okay“, sagte er: „Ein verdienter Arbeitssieg für uns.“ Für Bier und eine vorzeitige Klassenerhaltsparty sei es aber noch zu früh, fügte er hinzu: „Es sind noch viele Spiele zu spielen – und wenn wir nicht punkten, rutschen wir ganz schnell wieder unten rein.“

Für den Moment ist 1860 erst mal oben reingerutscht – in vielen Statistiken, die die gute Laune des Trainers erklären. Bierofkas Team ist jetzt Fünfter in der realen Tabelle, Zweiter in der Heimtabelle (was bei fünf Niederlagen einiges über die Liga aussagt). Dritter nach Punkten ist der Aufsteiger in der Tabelle der Rückrunde, die bislang alles Erwartbare übertrifft, die Erwartungen des Trainers eingeschlossen.

„Das ist eine tolle Momentaufnahme für uns“, sagte Bierofka zur stolzen Ausbeute in der Rückrunde (20 Punkte). Nur drei Punkte mehr standen nach den 19 Spielen der Hinrunde zu Buche – was auch seine Spieler mit Stolz erfüllt. „Man sieht die Entwicklung der Mannschaft“, sagte Benjamin Kindsvater, der den verletzten Nico Karger (Adduktoren) vertreten hatte: „Wir geben im Training immer alles. So entwickelst du dich weiter – und durch Bieros harte Arbeit.“ Lex, der immer selbstbewusster auftritt, meinte: „Wir sind insgesamt kompakter als in der Hinrunde. Da haben wir die Tore noch bekommen – jetzt entscheiden wir die Spiele für uns.“ Für ihn auch ein Verdienst des aufmerksamen Innenverteidiger-Duos Weber/Lorenz: „Ich kenne wenig Stürmer, die in der 3. Liga Land sehen gegen Felix und Simon. Sie sind noch einen Tick stabiler geworden.“

Wie das gesamte Team, das drei der vier letzten Spiele gewonnen hat – dreimal mit dem knappsten aller Ergebnisse. „In manchen Momenten haben wir jetzt auch das Glück auf unserer Seite“, sagte Lex. Eine These, die am Samstag wohl breite Zustimmung gefunden hätte – von Zoe Bierofka bis zu Meppens Trainer Christian Neidhart.

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