„Neustart“ des DFB-Teams

Begeisterung – und Skepsis

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Ein Merkmal des Sports ist die Versöhnungsbereitschaft, die ihn umgibt. Fans sind nicht nachtragend und immer bereit, ihren Stars oder ihrer Mannschaft einen Neubeginn zu gestatten. Wenn wir uns nur an das Jahr 2000 erinnern. Als EM-Vorrunden-Ausscheider (mit einem Tor in drei Spielen) landeten die deutschen Nationalspieler als „Bratwürste“ auf Seite eins der „Bild“-Zeitung, ein paar Wochen später wurde ein belangloses Freundschaftsspiel gegen Spanien 4:1 gewonnen, und das ganze Stadion feierte: „Ruuudiii.“ Gut, damals war der Neubeginn mit einem Wechsel auf der obersten Position verbunden, der des Trainers. Von Ribbeck zu Völler.

Nach dem Pflichtspielstart ins Länderspieljahr 2019, dem 3:2-Sieg in Amsterdam gegen die Niederlande, ist auch wieder eine veränderte Stimmung rund ums DFB-Team zu verspüren. Erfolge mit der Dramatik der Last-Minute-Entscheidung sind aufwühlender und solche gegen einen erklärten Erzrivalen („Ohne Holland . . .“) am willkommensten. Insofern hat der Sonntagabend viele erleichtert. Dennoch: Man ist vorsichtiger geworden, wenn es heißt, dass ab jetzt alles anders wird.

Neustart war schon nach der WM 2018 – und auf einen respektablen 0:0-Kampf im ersten Spiel gegen Weltmeister Frankreich folgte wenig. Trotzdem schwand Joachim Löws in der Russland-Analyse geäußerte Demut („Fast schon arrogant“) schnell wieder, der Bundestrainer kehrte zu alten Gewohnheiten zurück und wirkte noch vergangene Woche angeschlagen. Hat ihn dieser eine Sieg zum Auftakt der EM-Qualifikation wirklich voll aus der Kritik genommen?

Ihn nicht. Jogi ist immer noch Jogi, und viele sind seiner überdrüssig, auch wenn er sichtlich um Wandel bemüht ist. Doch noch weiß man nicht, ob er eine schlüssige Linie gefunden hat: Die eine Fraktion der Alten hat er aussortiert, an der anderen hält er fest. Und wie schnell kann ein Spiel kommen, das an der Richtigkeit seiner Entscheidungen zweifeln lässt?

Neben der Bereitschaft, die Nationalmannschaft wieder in die Arme zu schließen, hat sich die Skepsis eingenistet. Hat man in Amsterdam wirklich den alten Manuel Neuer gesehen – oder hatte er Glück, zweimal angeschossen zu werden? Und wer weiß, ob die Spieler nach dem 3:2 brav ins Bett gegangen sind oder noch ein paar Stunden Fortnite gezockt und Shisha geraucht haben?

Guenter.Klein@ovb.net

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