Amsterdam – Es ist nicht sonderlich glücklich, am 1. April Geburtstag zu haben. Nico Schulz hat in seiner Kindheit immer wieder dumme Scherze gehört. Einmal kam sogar seine Familie auf die Idee, den ganzen Tag so zu tun, als hätten sie seinen Geburtstag vergessen, erzählte er einmal in einem Interview für den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Schön war das nicht. Heutzutage empfindet der 25-Jährige ganz andere Dinge als unangenehm: Wenn er etwa zum gefragtesten Interviewpartner nach einem Fußballspiel wird.
Bei der TSG Hoffenheim soll kaum einer die medialen Verpflichtungen dermaßen meiden wie er, aber nach dem Last-Minute-Triumph in der EM-Qualifikation gegen die Niederlande (3:2) war es unmöglich, sich kommentarlos zu verdrücken. Der Dampfmacher auf der linken Flanke sprach dann sogar recht ungefiltert über seine Emotionen: „Geiles Gefühl, ich bin froh und stolz, dass ich das Tor gemacht habe.“ Das Happy-End verlieh auch seiner gesteigerten Wertschätzung Ausdruck: Von den WM-Fahrern Jonas Hector und Marvin Plattenhardt redet fast gar keiner mehr – beide hat Bundestrainer Joachim Löw gar nicht mehr nominiert. Weil der neue Schulz gekommen ist, der nach diversen Problemen und Auszeiten in Berlin und Mönchengladbach erst im Kraichgau zum unumstrittenen Stammspieler eines Bundesligisten aufstieg.
Schulz hat im sechsten Länderspieleinsatz bereits das zweite Mal den späten Erlöser gegeben – obwohl in 116 Bundesligaspielen bei ihm nur vier Tore notiert sind. Erstmals schlug Schulz in seiner Heimstätte, der Sinsheimer Arena, im September vergangenen Jahres zu, gegen Peru (2:1). Doch der Volltreffer in der Amsterdamer Arena nach einer feinen Kombination über Ilkay Gündogan und Marco Reus war ungleich wertvoller, zumal der Linksverteidiger mit seinem eigentlich schwächeren Fuß vollstreckte. „Ich habe alles in meinen rechten Huf gelegt und der Ball ist reingegangen. Ich wollte das auch genauso so, der Ball sollte genau da hin.“
Am Reißbrett entworfenen Lauf- und Passwegen folgte dieser finale Spielzug trotzdem nicht, wie der Matchwinner freimütig einräumte – auch wenn es so aussah: „Ilkay und Marco sind nach links gelaufen, ich bin dann in die Mitte – warum auch immer kommt der Ball dann auch zu mir.“ Seine Brust schien hernach breiter geworden zu sein: „Das zeigt, dass wir doch nicht so schlecht sind. Dass wir immer noch Deutschland sind und ein gutes Team sind und einen guten Spirit haben.“
Schulz gibt in der badischen Nische einen jener Prototypen, deren Portfolio sich unter dem bald in Leipzig tätigen Fußballlehrer Julian Nagelsmann erweitert hat. Hinten vereinen sich Seriosität und Solidität, vorne vermengen sich Kraft und Kreativität. Entgegen kommt, dass meist mit einer Dreierkette verteidigt wird, so dass Schulz die Außenbahn beackern kann. Wenn er nämlich mit Anlauf durchstarten kann, bekommt ihm das besser.
Dass der Deutsch-Italiener als Spätstarter bei der DFB-Auswahl überzeugt, hat er mal mit der Geburt seiner Kinder Layla Valentina (2014) und Lio (2016) erklärt. „Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben, sondern die Familie zu Hause. Seit sie auf der Welt sind, hat sich meine Sichtweise verändert.“ Da scheint einer gerade glücklich mit seinem Leben zu sein. FRANK HELLMANN