Der Weglächler von der Ehrentribüne

von Redaktion

Cacau war als Spielertyp ein Sympathieträger – als Integrationsbotschafter versagt er

VON GÜNTER KLEIN

München – Es waren wunderbare Momente, die wir mit Cacau erleben durften. Als seine Karriere ihren Höhepunkt erlebte und er Nationalspieler wurde. Sein Weg dorthin: Als Mitglied einer Tanzgruppe nach Deutschland gekommen, zum Spaß spielte er für Türk Gücü München in der Landesliga, wurde vom 1. FC Nürnberg entdeckt und Bundesligaprofi. Und schließlich als Stuttgarter: Claudemir Jeronimo Barreto für Deutschland.

Cacau, wie er sich nannte, war anders. Kein Phrasendrescher, sondern einer, der pointiert erzählen konnte, wenn ihn der damalige DFB-Pressesprecher Harald Stenger aufs Podium vor die Reporter setzte. Es stand ein Länderspiel in Stuttgart an, Cacau wurde gefragt, ob er viele Tickets habe besorgen müssen. Ja, sagte er, aber nicht, um sie zu verschenken. Er gab zu, dass er bei seinen Freunden schon abkassieren werde: „Da bin ich durch und durch Schwabe.“ Sein Spitzname war Helmut, weil er so schnell so mustergültig deutsch geworden war. Auch in den Zeiten um 2010 herum, als die Nationalmannschaft ausgewiesen multikulturell daherkam und viele Geschichten geglückter Integration bot, war seine eine besondere.

Es lag nahe, dass der DFB diesen schlauen, beredten, gläubigen und sozial engagierten Mann an sich binden wollte, als die Spielerkarriere allmählich ausklang. Obwohl sein Traum, als gebürtiger Brasilianer für Deutschland die WM 2014 in Brasilien zu spielen, sich nicht erfüllte, hegte Cacau keinen Groll. 2016 bestellte ihn der DFB zum Integrationsbeauftragten.

Doch es stellt sich heraus: Als solcher ist er eine Fehlbesetzung. Aus dem Streit zwischen Mesut Özil und dem DFB wollte er sich zunächst heraushalten, weil seine Zuständigkeit der Amateurfußball sei. Dann äußerte er sich doch, vor allem aber freundlich gegenüber seinem Dienstherrn, dem DFB.

Richtig verstörend Cacaus neueste Stellungnahme. „Das sind Einzelfälle, man sollte ihnen nicht so eine große Beachtung schenken“, kommentierte er die rassistischen Ausfälle von Zuschauern beim Spiel Deutschland – Serbien in Wolfsburg, die der Basketball-Journalist André Voigt in einem bewegenden Video geschildert hatte. Angreifbar machte sich der Integrationsbeauftragte Cacau vor allem in diesem Punkt: Dem „Focus“ sagte er, er habe sich das Video „bewusst nicht angeschaut“.

Nun setzt es Kritik an Cacau, der die Problematik weglächeln will. Etwa von der SPD-Politikerin Sawsan Chebli, die auf Twitter schrieb: „Leute wie Cacau zeigen, dass PoCs (Persons of Color, also Farbige, d. Red.) nicht automatisch sensibler mit Rassismus umgehen, sie auch nicht die besseren Integrationsbeauftragten sind. Cacau hatte sich auch gegen Özils Rassismusvorwurf gestellt. Will er nicht was anderes machen?“ Der Medienunternehmer Oliver Wurm (veröffentlichte kürzlich sehr erfolgreich das Grundgesetz als Zeitschrift) riet: „Aus zwei Gründen sollte sich Cacau das Video von André Voigt heute noch anschauen. Es gehört zu seinem Job. Und: aus Respekt.“ Philipp Köster, Chefredakteur von „11Freunde“, stellt bei Cacau einen „realitätsfernen Blick von der Ehrentribüne fest.“ Der DFB bräuchte „einen Integrationsbeauftragten, der sein Amt und den Kampf gegen Rassismus ernst nimmt – und nicht Cacau.“

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