Sakhir – Der Butler könnte jetzt zur Bürde werden. Für Mercedes. Für Lewis Hamilton. Für Teamchef Toto Wolff. Es war weniger der souveräne Sieg von Valtteri Bottas (29) beim Formel-1-Auftakt in Melbourne, der Toto Wolff (45) zu denken geben müsste, der den Wiener in Zukunft zum Dompteur werden lassen könnte, der jetzt zwei Raubtiere im goldenen Mercedes-Käfig zähmen muss. Und nicht mehr nur seinen Alpha-Löwen Hamilton, der 2018 noch einen treuen Gehilfen in dem Finnen hatte, der kuschte, wenn das Team das wollte. Vielmehr folgende Worte müssten Wolff aufschrecken: „An alle, die es betrifft: Fuck you!“ Bottas pöbelte bewusst über Funk, wusste er doch, dass seine Nachricht weltweit gehört werden würde.
Der Finne nutzte die Auslaufrunde nach seiner Triumphfahrt beim Großen Preis von Australien offenkundig zur Abrechnung mit der Vergangenheit. Wen er meinte, ließ der Finne zwar offen: Doch es gibt zwei Hauptverdächtige. Einmal den ehemaligen Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene. Der hatte den Finnen ob seines klaren Nummer-2-Status bei Mercedes abfällig als „Butler“ von Hamilton bezeichnet. Und auch Wolff selbst könnte gemeint gewesen sein. Denn Wolff nannte Bottas einen optimalen „Wingman“ (Schutzbegleiter), als der Superstar Hamilton in Sotschi den Sieg schenken musste. Beides hatte Bottas bis ins Mark getroffen. Und er schwor, dass es 2019 einen neuen Bottas geben würde. Einen, der gewinnen will. Einen, der sich nichts mehr sagen lässt. Einen, der jetzt nur noch an sich denkt. Ein ehemaliger Butler, der jetzt nicht mehr dienen will.
Angekündigt hat Bottas das schon vor sechs Wochen während der Wintertests in Barcelona. Dort erlebten die Reporter den neuen Bottas. Er trug jetzt Vollbart, um mehr als harter Wikinger zu wirken denn als glattrasiertes Weichei. Der sich mit stechendem Blick selbstbewusst nach vorne beugte und gleich zur Sache kam: „Ich bin ein neuer Valtteri. Ich war enttäuscht und verärgert am Ende des letzten Jahres, besonders über den Verlauf der zweiten Saisonhälfte, dass ich mir schwor: So etwas darf nie mehr passieren! Um meine Ziele zu erreichen, bin ich dieses Jahr bereit zu tun, was nötig ist. Wenn ich dafür an einigen Stellen härter agieren muss, gehört das dazu.“
In wochenlanger Einsamkeit in der eisigen Kälte seiner finnischen Heimat wäre er in sich gegangen. Heraus kam: „Ich war immer Teamplayer, aber ich habe realisiert: In diesem Sport hat alles seine Grenzen. Du musst auch an dich selbst denken. Ich habe nur eine Karriere im Leben und wenn ich immer unterstütze anstatt selbst zu attackieren, erreiche ich meine Ziele nie.“
In Melbourne ließ Bottas das erste Mal den Worten Taten folgen. Nach gewonnenem Start ließ er Hamilton keine Chance mehr. Er flog ihm davon, wie es in der Vergangenheit kein anderer Teamkollege des Briten gemacht hat.
Fest steht: Mercedes hat jetzt ein Problem im WM-Kampf mit Ferrari. Denn bei den Italienern gibt es mit Sebastian Vettel einen klaren Nummer-1-Piloten. Die Hackordnung bei der Scuderia wurde beim Saisonstart in Melbourne klar, als Teamkollege Charles Leclerc am Ende des Rennens hinter dem Deutschen bleiben musste, obwohl Vettel mit Reifenproblemen zu kämpfen hatte. Der neue Bottas wird das für Hamilton sicherlich nicht mehr machen.