Es ist natürlich schwierig, in diesen Tagen nicht an Kielce zu denken. Die Posse um das Champions-League-Spiel, das die Handballer der Rhein-Neckar-Löwen im vergangenen Jahr wegen einer Terminkollision mit dem Spielplan der Bundesliga mit ihrer zweiten Mannschaft abschenkten, war zu bemerkenswert. Das damalige Problem könnte man freundlich in etwa so umschreiben: Zwei Produkte, die sich selbst das Gütesiegel Premium verpassen – nämlich Europas Königsklasse und die vermeintlich beste Liga der Welt – , lassen sich nur schwer in Einklang bringen.
Die Sache wird nun freilich noch bizarrer, wenn man sieht, dass die Ballwerferszene offenbar nicht in der Lage ist, aus dem Imagedebakel ihre Lehren zu ziehen. Das einzig Gute ist: Die kleinen Löwen müssen diesmal nicht herhalten, statt Champions League in Nantes spielen sie den Drittliga-Gipfel in Konstanz. Wie sich das gehört. Stattdessen gehen die Profis binnen 48 Stunden zweimal aufs Feld. Heute Gummersbach, am Samstag Frankreich, dazwischen 900 Kilometer im Bus. Chancengleichheit sieht anders aus.
Und verantwortlich dafür ist vor allem ein ungünstig formulierter Fernsehvertrag. Der Pay-Sender Sky ließ sich von der Bundesliga feste Spielzeiten zusichern. Das macht ja auch Sinn. Tage werden zur Marke, Sportinteressenten wissen: Donnerstag und Sonntag ist Handball. Die früher schlimm zerfaserte Liga wird nachvollziehbarer. So weit, so gut, doch die Tücke liegt in der Starrheit des Systems. Obwohl das Problem seit Langem bekannt ist, ist es den Beteiligten noch nicht einmal für die Champions League-Teilnehmer gelungen, Regelungen im Interesse des Sports zu treffen.
Und das ist schon alleine deshalb befremdlich, weil im Handball-Land seit geraumer Zeit Stimmen laut werden, die sich um die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga in Europa sorgen. Die Konkurrenz aus Ungarn, Mazedonien oder vor allem Frankreich hat die deutschen Clubs zuletzt zumindest in der Königsklasse aus dem Rampenlicht gedrängt. Der letzte Champion war Flensburg 2014, seit dem THW Kiel 2016 war die Bundesliga nicht mal mehr im Final Four in Köln vertreten. Doch statt nach Wegen zurück in Richtung Spitze zu suchen, legt man den beteiligten Clubs auch noch Steine in den Weg.
Kielce konnte sich freuen. Und am Samstag vielleicht auch Nantes.
patrick.reichelt@ovb.net