München – Am Mittwochabend um 23.39 Uhr verschickte der EHC Red Bull München einen ungewöhnlichen Hinweis an seine Fans: „Für alle, die in der BMW-Welt parken: Bitte bis Mitternacht umparken – das Parkhaus schließt und hat leider keinen Playoff-Modus.“ In der Olympia-Eishalle war im ersten DEL-Halbfinalspiel zwischen dem EHC und den Augsburger Panthern gerade auch die zweite Verlängerung ohne Tor abgelaufen – und spätestens da wunderten sich die EHC-Verantwortlichen wohl, wie die 5901 Eishockeyfans eigentlich alle noch nach Hause kommen. Es war nicht nachzuvollziehen, wie viele Besucher auf den Aufruf reagierten, er war schließlich nur auf Twitter zu finden. Wer aber losgezogen ist (und das waren einige), wird sich geärgert haben, denn er dürfte den Höhepunkt dieses mitreißenden Spiels auf dem Weg zum Parkhaus ziemlich sicher verpasst haben. Um 23.52 Uhr, fast viereinhalb Stunden nach dem ersten Bully, schoss Mark Voakes in der dritten Verlängerung das 2:1 für München – nach genau 101 Minuten und 12 Sekunden, dem siebtlängsten Spiel der DEL-Geschichte (siehe Kasten).
Ein paar Minuten später, um 0.21 Uhr, spazierte Voakes in kurzer Sporthose und T-Shirt aus der Kabine. Er berichtete, wie Maximilian Kastner ihn in jener 102. Spielminute mit einem schnellen und präzisen Pass freispielte, wie er entdeckte, dass Olivier Roy, der zuvor grandiose Augsburger Torhüter, im kurzen Eck eine kleine Lücke offenließ, wie er den Puck in diese Lücke zwängte. Und er berichtete auch, wie seine Mitspieler sich danach sofort auf ihn stürzten und sich bedankten – „dafür, dass ich es endlich beendet habe“.
Eigentlich zählt es nicht zu Voakes’ Spezialitäten, Spiele zu beenden. Der kanadische Stürmer, der seit 2012 in der DEL spielt (Krefeld, Wolfsburg, seit dieser Saison München), bereitet Tore lieber vor. Er rede ab und zu mit Trainer Don Jackson, sagte Voakes, und er wisse daher auch, dass er ab und zu besser selbst schießen sollte, anstatt noch einmal abzuspielen. Am Mittwoch hat er jedoch gezeigt, dass er es ja ziemlich gut kann. Vor seiner großen Heldentat in der dritten Verlängerung war Voakes schon eine kleine gelungen. In der 54. Minute wuchtete er die Scheibe das erste Mal ins Augsburger Tor, zum 1:0. Es war sein Trainer, der hinterher sagte: „Es war eine große Nacht – für ihn und für uns.“
Die Geschichte des Stürmers Mark Voakes war die schönste an einem Eishockeyabend, der viele besondere Geschichten zu erzählen hatte. Es fing an mit einem Loch im Eis, etwa 30 Zentimeter groß, das dazu führte, dass die Schiedsrichter das erste Drittel abbrachen, obwohl noch mehr als sechs Minuten zu spielen waren. Es ging weiter mit Augsburgs kanadischem Torhüter Roy, an dem die Münchner verzweifelten. Am Ende hatten sie 53 Mal auf Roys Tor geschossen und 51 Mal erlebt, wie er den Puck, teils spektakulär, abwehrte. Und natürlich endete alles mit der dramatischen Dreifachverlängerung, die Trainer und Spieler an ihre Grenzen trieb. In der Kabine, berichtete Voakes, habe es zwischen den einzelnen Abschnitten der Verlängerung immer neue taktische Anweisungen gegeben, vor allem jedoch sei es darum gegangen, genügend zu trinken und zu essen – „auch wenn man gar nicht durstig ist“, wie Voakes erklärte. Direkt nach der Partie stürzte er einen Liter Saft runter. Das sei die beste Form
der Erholung – neben einer langen Nacht im Bett.
Am Mittwoch fiel die aber aus, erst recht für die Augsburger. Es war also verständlich, warum es Mike Stewart, der Trainer der Panther, eilig hatte. Er setzte sich um 0.10 Uhr in den Presseraum der Eishalle – und als er schließlich an der Reihe war, sagte er, ungekürzt: „Guten Abend zusammen, Gratulation an München zum Sieg. Länger als 100 Minuten gespielt, das sieht man nicht jeden Tag. Beide Mannschaften haben Chancen gehabt, beide Mannschaften haben Chancen vergeben, beide Goalies haben stark gespielt. Wir freuen uns auf Spiel zwei zu Hause.“ Das folgt heute Abend (19.30 Uhr). Ein Rat zum Schluss: Man sollte in dieser Serie darauf achten, wo man sein Auto parkt.