Sport? Mag Li Luo nicht. Er bläst den Rauch seiner Zigarette in den Club Room seines Fünf-Sterne-Hotels. Chillout-Lounge-Bereich. Ganz oben unterm Dach, 9. Stock. Ledersessel und Glasfront. Blick auf die Talabfahrt. Luos Talabfahrt. Nur Skifahren – ja, das mag er. Liebt er. So sehr, dass er eine Viertel Milliarde Euro in den Bau seines Skigebiets investiert hat. Fürs Erste. Die Miete für die Berge kommt noch oben drauf. Und weitere Millionen mit den nächsten Pisten und Liften.
2003 eröffnete Luo, 60, Inhaber eines Bäckerei- und Konditoreikonzerns, das Wanlong Paradise Resort. In dem Jahr, als Olympische Winterspiele für 2010 nach Vancouver vergeben wurden, man noch auf WintersportNationen als Olympia-Gastgeber hoffte – und von einem Austragungsort Peking keine Rede war. In einer Zeit, als in ganz China kaum einer über Skifahren redete – geschweige denn es schon einmal ausprobiert hatte. Heute ist Luo Teil eines großen Plans: Das Land wird Wintersport-Nation. Bis 2022, dem Jahr der Olympischen Winterspiele. Von geschätzt sechs Millionen im Jahr 2016 sollen es bis dahin 300 Millionen Wintersportler sein. So will es Staats- und Parteichef Xi Jinping. Dafür investiert er Milliarden. Im In- und Ausland.
So viele Salti hat Michael Brunner noch nie gesehen. Zu viele, um sie zu zählen. Zwei Tage verbringt der Garmisch-Partenkirchner im Sommer 2018 in einer Turnhalle in Nanning, Südchina. Weitere zwei Tage in einer Halle in Kaschgar im Westen. 400 junge Top-Athleten fliegen ihm um die Ohren. Doppelsalto – für sie eine Aufwärmübung. Brunner aber fordert Ein-Bein-Sprünge, einen Zwölf-Minuten-Lauf, Geschicklichkeitsübungen. Der 54-Jährige misst ihre Beinachsen, Größe und Gewicht. Unter den 400 Turnern, Artisten, Kampfsportlern sucht Brunner die vermeintlich besten Skifahrer. Unter 400 Männern und Frauen, die noch nie auf Skiern gestanden sind und größtenteils nie zuvor Schnee gesehen haben. Jeweils 20 wählt Brunner aus.
Vor vier Monaten ziehen sie in ihr Übergangszuhause, das Riessersee-Hotel, ein. Und schnallen zum ersten Mal Ski an. Jetzt trainieren sie unter ihm in Garmisch-Partenkirchen für die Winterspiele im eigenen Land.
Im April 2018 organisiert Brunner Europas erstes chinesisches Skirennen auf der Zugspitze mit. Sein Auftreten und Wissen beeindrucken die Offiziellen aus China. Erst wollen sie ihn als Scout, dann als Cheftrainer. Anfang 2019 unterschreibt er den Vertrag mit der chinesischen Sportbehörde. Er läuft noch drei Jahre. Mit einem Monat Kündigungsfrist für beide Seiten. Eine Regel: keine Fotos auf Sozialen Plattformen wie Instagram oder Facebook. Im Reich der Mitte würde das ohnehin kaum einer empfangen. Dort funktionieren nur die nationalen Alternativen. Nicht einmal Google ist freigeschaltet. Vom 4. bis 20. Februar 2022 dürfte sich das ändern.
Nur neun Medaillen haben die Chinesen bei Olympia 2018 in Pyeongchang/Südkorea gewonnen. 2022 will der Regierungschef am liebsten in jeder Disziplin eine Medaille feiern. Unrealistisch. Zumindest sollen in jeder Disziplin Athleten starten. Bei den Alpinen wird schon das eine Herausforderung.
140 FIS-Punkte müssen die jungen Männer und Frauen erreichen. Das entspricht etwa 15 Sekunden hinter der Weltspitze. Machbar? Brunner weiß es nicht. Aber: Die Akrobaten lernen schnell, viel schneller als erwartet. Und „sie haben verstanden, was wir wollen“. Was das ist? „Das perfekte Skifahren.“
Danach sucht nicht nur Brunner, Skilehrer, ehemaliger Weltcup-Fahrer, Skischul-Inhaber und Trainer im heimischen Skiclub. Soweit er weiß, finanziert Chinas Regierung weltweit acht solcher Programme, aus denen das Olympia-Team für Abfahrt, Super-G, Slalom und Riesenslalom hervorgeht.
Olympia interessiert Luo nur am Rande. Als es um die Austragungsorte der alpinen Wettbewerbe ging, hielt er sich vornehm zurück. Darum sollen sich die Nachbarn kümmern: In Secret Garden werden in drei Jahren die Freestyle-Wettbewerbe ausgetragen. Seit diesem Winter sind die beiden Gebiete verbunden. Luo will die Spiele nicht, er will nur die Gäste. Profitiert hat er längst.
In Deutschland würde man seine 22 Abfahrten und rund 40 Pistenkilometer Steuersparmodell nennen. In den ersten zehn Jahren kamen pro Saison um die 40 000 Skifahrer und Snowboarder nach Wanlong im Nordwesten von Peking. Wachstum – fast null. Nur draufbezahlt habe er, sagt er, raucht und lacht. „Andere sind einfach nicht so klug wie ich, ich habe eine Marktlücke gefunden“, dachte er vor der Eröffnung. „Aber es war zu früh.“ Gewinne aus dem Verkauf der zahllosen Gebäckteilchen nach westlicher Rezeptur schob er ins Skiresort. Da blieben genug Reserven: Sein Unternehmen gehört zu den chinesischen Marktführern.
Ob er je an seiner Idee gezweifelt habe? Welch’ abwegige Frage in Luos Welt. Irgendwann würden die Menschen schon verstehen, was er längst kapiert hat. Würden spüren, was er spürt. Dass Skifahren das Beste ist. Genau so sei es ja gekommen. Olympia sei Dank. Seit 2015, als Peking die Spiele bekam, werden es immer mehr. 130 000 im Vergabe-Winter, 230 000 in der Saison 2016/17, dann 330 000. Für 2018/19 rechnet Luo mit 500 000 Gästen.
Umgerechnet rund 80 Euro bezahlen sie für die 40 Pistenkilometer. Genauso viele bietet Garmisch Classic. Für 44,50 Euro. Warum seine Gäste den Preis akzeptieren? Weil er die besten Berge gewählt hat, sagt Luo. Auf 70 Jahre von der Regierung gepachtet. Erst ein Viertel davon ist erschlossen, 120 Pistenkilometer sollen noch folgen.
Die meisten Skifahrer und Snowboarder kommen aus Peking. Etwa 260 Kilometer einfach, drei Stunden Fahrt ohne Stau – und es gibt fast immer Stau. Gerade bauen die Chinesen eine neue mehrspurige Schnellstraße. Damit sich die autofahrenden Wintersportler und Olympia-Touristen von Peking ins Skiresort 80 Kilometer Weg und etwa eine Stunde Zeit sparen. Zudem entsteht ein Schnellzug. Mit 300 Sachen in 45 Minuten nach Wanlong und Secret Garden. Eine umweltfreundliche Reise in die Beschneiungsparadiese.
Richtig viel, sagt Luo, schneit es nie. Kein Wunder, bei bis zu minus 20 Grad im Januar. Niedrig-Tiefschneetage gibt es, aber selten. In der Regel sei zumindest der lichte Wald weiß und nicht nur grün und braun wie in diesem Jahr. Ein Zentimeter Schnee fiel. Luo raucht und lacht.
Seine 400 Schneekanonen – Garmisch-Partenkirchen hat um die 100 – machen die Arbeit. Alle 70 Meter steht eine, sie laufen ab Oktober. Anfang November beginnt die Saison und dauert bis März. Beschneit wird jede Nacht. Eine jahreszeitliche Begrenzung gibt es nicht. Luo schüttelt nur den Kopf. Komisch, diese Deutschen. Gerade baut er einen zweiten unterirdischen Wasserspeicher mit 50 000 Kubik Fassungsvermögen. Weiteres Wasser bekommt er aus dem Fluss im Talort Chung Li, in dem sich mittlerweile Hotel an Hotel und (Winter-)Sportgeschäft an (Winter-)Sportgeschäft reiht. Umweltauflagen? Gibt es. „Natürlich“, sagt Luo. Man brauche mittlerweile Lizenzen von der Regierung für neue Lifte und Pisten. „Die sind nicht schwer zu bekommen.“ Luo lacht. Und drückt seine Zigarette aus.