München – Para-Biathletin Clara Klug räumt einen Titel nach dem anderen ab. Nachdem die gebürtige Münchnerin 2018 zur Deutschen Juniorsportlerin des Jahres gewählt wurde, räumte die sehbehinderte Paralympics-Teilnehmerin zuletzt als beste Deutsche bei der Para-Ski-Nordisch-WM fünf Medaillen ab. Im Interview blickt die vor wenigen Tagen von der Stadt München geehrte 24-jährige Pasingerin auf die Saison zurück und spricht über ihre Erfolgsfaktoren, ihre Ziele und über Strukturen im Para-Sport sowie über Inklusion im Sport.
Hätten Sie gedacht, dass Sie einmal die Nummer eins in Ihrem Sport werden?
Es fühlt sich noch nicht ganz so an, weil andere wie zum Beispiel eine Andrea Eskau noch mehr Wettkampferfahrung haben als ich. Ich kann das noch nicht richtig greifen. Das wird mit Sicherheit noch ein paar Wochen brauchen.
Wie sehen Sie denn rückblickend Ihre Leistungen bei der WM in Kanada, wo Sie zum Favoritenkreis gehörten?
Die WM war unfassbar anstrengend und cool. Ich hatte eine starke Erkältung. Wäre es nicht die WM gewesen, wäre ich nicht gestartet. Aber sobald ein Rennen losgeht, ist sowieso alles vergessen. Dass es so genial läuft, war nicht abzusehen.
Wie beurteilen Sie die Organisation von Groß-events im Para-Biathlon?
Bei der WM in Kanada hat man gemerkt, dass die Gemeinde voll dahintersteht. Das ist allerdings nicht überall so der Fall. Beim Weltcup in Östersund war zum Beispiel die Strafrunde nicht vernünftig präpariert. Da fragt man sich natürlich schon, warum das dann wenig später bei der IBU Biathlon-WM besser war. Es liegt einfach an denjenigen, die eine Veranstaltung organisieren. Und daran, ob Herzblut dahintersteckt. Von Kanada und von der WM 2017 in Finsterau war ich zum Beispiel begeistert.
Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten im Para-Sport im Allgemeinen?
In der Klassifizierung. Das ist zum Beispiel in meiner Klasse der Sehbehinderten immer schwer einzustufen, wie gut oder schlecht jemand sieht. Das Hin und Her bei den wegen Dopings gesperrten russischen Athleten war auch nicht vorteilhaft. Das sind Punkte, die eine Saison beeinflussen.
Wie lautet Ihre Erfolgsformel?
Ein großer Punkt ist die Teamleistung. Mein Guide Martin Härtl und ich brauchen uns gegenseitig auf der Strecke. Der Guide ist unglaublich wichtig: er ist immer bestens im Bilde und kann die Renntaktik einschätzen.
Wäre ein Erfolg auch mit einem anderen Guide möglich, sollte Martin Härtl zum Beispiel kurzfristig ausfallen?
Ein kurzfristiger Erfolg mit einem anderen Guide ist nicht möglich. Generell brauchen wir in unserem Sport mehr Guides. Vielleicht auch aus dem Biathlon. Wir müssen da auch die Strukturen für Guides schaffen, damit sie gleiche berufliche Möglichkeiten haben.
Was hat sich für Sie seit Ihren Erfolgen geändert?
Bei der WM habe ich deutlich mehr Druck verspürt als ich mir selbst eingestanden habe. Da muss ich in Zukunft einen besseren Weg finden, damit umzugehen …
… weil Sie nächstes Jahr dann die große Favoritin sind?
Das sehe ich anders. Da werden jedes Jahr die Karten neu gemischt. Ich sehe mich da nicht als große Favoritin.
Was erwarten Sie für den kommenden Winter?
Die nächste Saison wird sehr interessant. Wir haben keine Nordische Para-WM, aber das IPC (internationale paralympische Komitee; Anm. d. Red.) plant, demnächst eine reine Biathlon-WM zu veranstalten. Das wäre ein weiterer Höhepunkt. Ich freue mich auch auf den Heimweltcup in Finsterau, auch wenn die Strecke dort nicht zu meinen Lieblingsstrecken zählt. Ich möchte mich in den nächsten zwei Jahren gut für die paralympischen Winterspiele 2022 in Peking vorbereiten.
Welche Rolle spielt München als Ihre Heimat?
München ist für mich sehr wichtig. Ich kenne mich hier gut aus und mag die Stadt und die Atmosphäre sehr. Für das Training ist München natürlich nicht ganz ideal. Da ist Kaltenbrunn als Trainingszentrum sehr wichtig für mich. München ermöglicht mir aber, nicht zuletzt wegen des guten öffentlichen Nahverkehrs, ein sehr selbstständiges Leben.
Was halten Sie von Inklusion im Sport?
Mein Sport ist ja unfassbar inklusiv: Jedes Team am Start besteht aus einem sehenden Guide und einer sehbehinderten Athletin (lacht). Allerdings wären inklusive Wettkämpfe sehr schwierig, weil eben nicht alle die gleichen Wettkampfbedingungen haben. Im Breitensport gemeinsam zu trainieren, ist hingegen eine ganz andere Sache. Gerade Kinder gehen ganz automatisch inklusiv miteinander um und können sehr wohl gemeinsam Sport machen. Inklusion ist für mich kein Zustand, sondern eine Einstellung.
Interview: Robert M. Frank
„München ist für mich sehr wichtig“