München – 90 Minuten Einsatzzeit sind das, was jeder Fußballer Woche für Woche anstrebt. 1860-Profi Aaron Berzel musste zuletzt einen langen Atem haben, um auf diese Idealzahl zu kommen. Drei Minuten spielte er in Braunschweig (1:1), 29 gegen Meppen (1:0), eine komplette zweite Halbzeit in Würzburg (1:2) und 14 Minuten gegen Haching (1:0). Macht summa summarum 91 Minuten. Die Länge einer Nachspielzeit kam zuvor in Wiesbaden hinzu, doch dabei sein ist nicht alles für den Mann, der auch sonst zwischen den Stühlen sitzt. Er sagt: „Es ist nicht mein Anspruch, nur zehn Minuten jedes Spiel zu spielen.“ Und zu seiner ungeklärten Zukunft: „Es ist irgendwo eine Scheißsituation.“ Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Aber der Reihe nach.
Berzel ist einer der Fanlieblinge beim TSV 1860. Die Kurve feiert den kampfstarken Rustikalkicker – nicht nur wegen seiner im Aufstiegsrausch gebrüllten Spitze gegen die Bayern („Die Nummer 1 der Stadt sind wir“ – ein Youtube-Hit). Die Fans lieben Berzel vor allem, weil er rüberkommt wie einer von ihnen: direkt, ungekünstelt. Er spielt, wie er spricht – und hatte sich mit seiner Art auch beim Trainer einen Bonus erarbeitet. „Er ist wirklich ein Typ auf dem Platz“, schwärmte Daniel Bierofka in der Wintervorbereitung und setzte auch nach der Ligapause auf Berzels Eignung zum Wortführer. Dann jedoch folgte ein Platzverweis (beim 1:2 gegen Osnabrück) – und alles wurde noch komplizierter.
Berzel fand die Rote Karte „ein bisschen unglücklich“. Mit einem Spiel Sperre war er auch maximal glimpflich davongekommen, doch kaum stand er wieder zur Verfügung, hatte Kapitän Felix Weber seinen Platz in der Innenverteidigung zurückerobert. Theoretisch kein Problem für den Allrounder, der auch rechts hinten (wie in Cottbus) spielen kann oder auf der Sechs (wie in Cottbus nach der Pause). Obwohl die Löwen aber drei Punkte aus der Lausitz mitbrachten, war Berzel plötzlich Gelegenheitsspieler – und entsprechend ratlos. „Ich bin da der falsche Ansprechpartner“, sagte er auf die Frage, was ihn letztlich den Stammplatz gekostet habe: „Ich gebe im Training Gas. Ich glaube, man merkt auch, dass noch mal Schwung durch die Truppe geht, wenn ich reinkomme. Ich kann mich aber leider nicht selber aufstellen.“
Berzel betont zwar, er spüre die grundsätzliche Wertschätzung des Trainers, doch zum einen scheint Geduld nicht unbedingt seine Stärke zu sein, zum anderen sitzt er auch vertraglich zwischen den Stühlen. Die Löwen haben mehrfach erklärt, den flexiblen Defensivspieler halten zu wollen. Auch Berzel selbst bekennt sich klar zum Verein: „Weiß ja jeder, dass ich mich hier wohlfühle.“ Das Problem ist die finanzielle Lage des Investorenclubs, die für beide Seiten zur Belastungsprobe wird. Die Löwen wissen, dass sie Berzel nicht ewig hinhalten können. Er selber sagt mit Blick auf seine im Herbst geplante Hochzeit: „Ich weiß, dass der Verein momentan handlungsunfähig ist. Bei mir steht aber die Familienplanung an, und da brauche ich eine gewisse Sicherheit. Deswegen ist es nur logisch, dass man sich Anfragen von anderen Vereinen anhört.“ So gerne er in München bleiben würde.
Am Montag, wenn 1860 in Großaspach antritt (19 Uhr), rechnet Berzel zumindest mal wieder mit einem Einsatz von Anfang an. Die Sperre von Efkan Bekiroglu ist seine Chance: „Er ist zwar ein komplett anderer Spieler als ich, aber ich gehe schon davon aus, dass ich am Montag auflaufe.“ Über 90 Minuten, versteht sich.