München – Wenn es stimmt, dass gegnerische Attacken die höchste Form der Anerkennung sind, weil viel Feind auch viel Ehr’ bedeutet, dann hat es Robert Lewandowski am Samstagabend gut getroffen. Der Schmerz, den er in der Schlussphase zweimal verspürte, muss dann richtig süß geschmeckt haben. Einmal riss ihn Thomas Delaney am Arm und wollte gar nicht mehr loslassen, mehrere Sekunden lang, ehe der Stürmer des FC Bayern zu Boden stürzte und in einem wütenden Reflex seinerseits den Dänen stieß. Wenig später rückte auch Axel Witsel Lewandowski auf eine Art zu Leibe, dass man beinahe eine gezielte Provokation hätte unterstellen können. Wenn sie diesen Mann schon nicht in den Griff bekamen, so schien es, wollten sie ihn wenigstens aus dem Verkehr ziehen.
Am Ende scheiterte auch dieses Dortmunder Vorhaben, wie so viele. Bis auf eine gelbe Karte für die Aktion gegen Delaney (der ebenfalls verwarnt wurde) beendete der Stürmer die Partie unbeschadet, im Gegensatz zu den schwer verbeulten Borussen. Und es war besonders Lewandowski, der sie in die Verzweiflung trieb. Das frühe 1:0 hätten die Gäste noch als schludriges Zweikampfverhalten nach einer Ecke abtun können, doch das 2:0 war ein Schauspiel für sich, das den BVB zerstört zurückließ. Instinktsicher fing er einen haarsträubenden Pass des jungen Verteidigers Zagadou ab, hob ihn über den Torwart hinweg und beförderte ihn per Seitfallzieher ins Netz.
Könnte man sich als Stürmer aussuchen, wie man ein Jubiläumstor erzielt, käme mit ein bisschen Fantasie genau so ein Produkt heraus. Das 2:0 war Lewandowskis 200. Bundesligatreffer, diese Marke haben vor ihm nur Gerd Müller (365), Klaus Fischer (268), Jupp Heynckes (220) und Manfred Burgsmüller (213) übertroffen. Nummer 201 kurz vor Schluss – ein schmuckloser Abstauber aus wenigen Metern – war das genaue Gegenteil dieser schillernden Zirkusnummer.
„Das war kein typisches Tor“, sagte Lewandowski später über seinen ersten Streich, weil er diesmal keinen Angriffszug der Bayern veredelte, sondern den Ball selber listig eroberte und im Alleingang verarbeitete. In einem Bewerbungsvideo hätte dieses Spiel einen besonderen Platz verdient. Es zeigte den Angreifer in all seiner Vielfalt. So robust wie listig, schnell und doch in jedem Moment mit Übersicht, auf den Punkt konzentriert und dabei bienenfleißig. „Wie der Lewy heute gearbeitet hat, das war unglaublich“, schwärmte Thomas Müller.
Das mit den Bewerbungen ist immer so ein Thema für sich gewesen bei Robert Lewandowski. Als er sagte, er hätte „nie geglaubt, dass ich so viele Tore schieße in der Bundesliga“, wollte er damit vor allem seinen Stolz ausdrücken. Aber unfreiwillig klangen die Worte doppeldeutig. Es war schon auch immer sein Plan, dieser Liga irgendwann zu entwachsen und in eine noch größere zu entschwinden, zu einem noch ruhmreicheren Club.
Real Madrid, sein Sehnsuchtsverein, wird ihn wohl nicht mehr zu locken versuchen, das hat auch Lewandowski (30) inzwischen eingesehen. In München ist er anerkannt, neuerdings auch dritter Kapitän, und die enormen Transferpläne der Bayern decken sich mit seinen Vorstellungen, wie ein Verein dieser Größe die Zukunft angehen sollte. Lewandowski wünscht sich hochkarätige Verpflichtungen, um die Mannschaft als Ganzes zu stärken. Und, da ist er ganz Torjäger, um ihn selbst noch ein bisschen mehr glänzen zu lassen.
Wie wichtig die richtigen Mitspieler sind, darüber hätte Lewandowski auch am Samstag einiges erzählen können. Gegen Dortmund wurde er mal wieder von Thomas Müller unterstützt. Mit ihm harmoniert er wesentlich besser als mit James Rodriguez, der seltener im Strafraum auftaucht und dem Mittelstürmer weniger Freiräume verschafft. Das sei ja kein Geheimnis, wie gut man sich auf dem Platz verstehe, sagte Müller. Mehr wollte er nicht sagen. Musste er auch nicht nach einem Spiel, das für sich gesprochen hatte.