Bayerns Biss, Dortmunds Debakel

Zweierlei Holz

von Redaktion

MARC BEYER

In 205 Ländern ist das Spitzenspiel der Bundesliga am Samstag zu sehen gewesen. Das ist eine imposante Zahl, die von den Vermarktern stolz verbreitet wurde, aber es ist auch ein Wert, der Fragen aufwirft. Zum Beispiel, warum vor drei Jahren, als das Titelrennen nicht halb so spannend war, 208 Länder zugeschaltet waren. Wer hat sich verabschiedet? Warum? Und, ganz wichtig: Was wird man in Botswana oder Papua-Neuguinea nun über das Leistungsniveau an der Spitze der Liga denken?

Das Gute an diesem Spiel und seinem Ausgang ist, dass das ewige Clasico-Gedröhne erst mal wieder ein Ende hat. Vor jeder Neuauflage wird so getan, als finde hier die deutsche Version von Real vs. Barca statt, so hochkarätig, so schillernd. Wäre der Vergleich statthaft, müssten hier zwei Mannschaften internationalen Top-Kalibers aufeinanderprallen. Welchen Part hätten dann die Dortmunder gespielt? Den von Real, weil die Königlichen auch schon mal unter die Räder geraten sind?

Es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Echte Klassiker sind nicht schon nach 17 Minuten entschieden. Sie hinterlassen auch nicht das eine Team völlig zerschmettert, wie es dem BVB nun schon zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren in München passiert ist (5:1, 6:0, 5:0). Man kann viel in so ein Duell hineinprojizieren, auch die Sehnsucht nach internationalem Format und Glamour. Aber weil, wie es so schön heißt, die Wahrheit immer noch auf dem Platz liegt, sollte keine These so steil sein, dass sie nicht mal Kingsley Coman mit einem Sprint erreichen würde

Die Bayern, das hat sich am Samstag wieder gezeigt, sind aus einem anderen Holz geschnitzt als ihre Liga-Konkurrenz. Sie mögen nicht mehr im Stande sein, sich auch in belangloseren Partien zu straffen und die Konzentration hoch zu halten. Anweisungen werden zuweilen erst im fünften Anlauf befolgt (im sechsten dann wieder nicht). Und manchmal scheinen sie in Routine zu erstarren. Doch dass ihnen in einem so entscheidenden Moment jede Kontrolle abhanden kommt wie dem BVB, wäre in München undenkbar.

Das Bemerkenswerteste nach diesem Duell ist die Tatsache, dass das Titelrennen völlig offen bleibt. Und, fast noch erstaunlicher: Man könnte noch immer nicht mit Bestimmtheit einen Favoriten benennen.

marc.beyer@ovb.net

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