Herr Ecclestone, in China wird am Wochenende der 1000. Formel-1-Grand-Prix der Geschichte stattfinden: Wie viele Rennen haben Sie vor Ort verfolgt?
Keine Ahnung, wie viel Rennen ich gemacht habe. Mindestens 700. Wahrscheinlich mehr.
Können Sie sich noch an das erste Rennen erinnern?
Ja. Ich war beim ersten Rennen anwesend. Als Fahrer. Ich fuhr das Qualifying. Ich kann mich aber nicht mehr genau erinnern, welchen Platz ich belegte. Jedenfalls habe ich mich nicht für das Rennen qualifiziert. Deshalb wollte ich dann beim Rennen in Monaco etwas nachhelfen.
Nachhelfen?
Ja. Ich wollte, dass andere, schnellere Fahrer das Auto für mich fuhren, um im Rennen dabei zu sein. Ich gab ihnen meinen Helm. Aber die Kommissare passten zu genau auf, deshalb hat der Fahrertausch nicht funktioniert.
Sie blühen richtig auf, wenn Sie von früher reden …
Ja. Ich habe nur gute Erinnerungen an die Zeit. Das liegt aber auch daran, dass man sich lieber an das Gute erinnert. Ans Sterben hat niemand gedacht. Das wurde verdrängt. Total verdrängt.
Wie der Tod Ihres Freundes Jochen Rindt in Monza 1970?
Ja. Irgendeiner sagte mir, dass Jochen einen schweren Unfall gehabt hatte. Ich hatte gar keine Zeit, Angst zu haben. Ich rannte sofort zur Unfallstelle, um zu sehen, was los ist. Dann sammelte ich seinen blutverschmierten Helm auf. Danach wollte ich wissen, was genau passiert war. Auch wegen Lotus-Chef Colin Chapman. Denn ich wusste, dass es in Italien immer Untersuchungen geben würde, wenn tödliche Unfälle passieren. Was ich erfuhr: Jochen ist ihnen wohl von der Trage gefallen, dann haben sie ihn auch noch ins falsche Krankenhaus gefahren. Vielleicht hätte er sonst überlebt.
Was war so speziell an Jochen Rindt?
Es war Jochens Charakter. Ich sagte ihm am Anfang: Steig erst ins Auto, wenn du bezahlt worden bist. Das hat ihm gefallen. Er kam dann oft zu mir in mein Haus nach England und zeigte mir das Geld. Danach haben wir dann die ganze Nacht Karten gespielt.
Wie ging es dann mit Ihnen weiter in der Formel 1?
Irgendwann wurde ich Brabham-Besitzer. Das war so intensiv, dass ich alle meine sonstigen Geschäfte aufgeben musste. Ich konzentrierte mich nur darauf.
Wie groß war damals Ihr Ehrgeiz?
Ich wollte nie gewinnen. Wichtig war nur, nicht zu verlieren. Ich kann deshalb nie verstehen, warum manche Teams sich das alles noch antun, obwohl sie keine Chance haben. Damals wollten Fahrer und Teams nur eins: Rennen fahren. Sie waren stolz, dazuzugehören. Das sehe ich heute nicht mehr.
Dann haben Sie die Formel 1 als Chefvermarkter groß gemacht: Wie ist Ihnen das gelungen?
Ich hatte viel Helfer und gute Leute. Colin Chapman zum Beispiel oder Enzo Ferrari. Ohne Ferrari wäre die Formel 1 ganz sicher nicht so groß geworden. Das Wichtigste war, das Fernsehen für unseren Sport zu begeistern. Damals übertrugen sie nur Monaco. Ich wollte aber, dass sie jedes Rennen covern und wollte ihnen das Ganze als Paket verkaufen. Ich habe keine Ahnung, wie mir das gelungen ist. Ich war doch nur ein Gebrauchtwagenhändler.
Wer waren außer Jochen Rindt noch Ihre Lieblingspiloten?
Es gab keinen Fahrer, den ich nicht mochte. Stirling Moss lernte ich schon früh schätzen. Er war extrem talentiert. Ein wahrer Gentleman. Nelson Piquet und Niki Lauda waren auch zwei Piloten, die starke Charaktere hatten und auch noch haben. Sie sagen dir immer geradewegs, was sie denken. Und waren auch noch nett dabei. Ayrton Senna war völlig anders als alle anderen. Er konnte zum Beispiel extrem gut mit Kindern umgehen. Wenn er mich von Brasilien aus anrief, redete er erst mal minutenlang mit meiner Tochter.
Sennas Tod 1994 in Imola muss ein Schock für Sie gewesen sein.
Ja. Was in Imola passierte, war ein Unglück. Unser F1-Arzt Syd Watkins erzählte mir sofort, wie schlimm es um ihn stand. Er erzählte mir von seinen extremen Kopfverletzungen. Ayrtons Bruder, der damals dabei war, sagte ich dann, dass Ayrton wohl nicht überleben wird. Die Veranstalter wollten aber zu diesem Zeitpunkt nichts Offizielles bekannt geben, weil sie sonst das Rennen hätten abbrechen müssen. Erst am Abend gaben sie im Krankenhaus seinen Tod bekannt. Der Bruder war wütend auf mich, obwohl ich nichts machen konnte. Deshalb legte man mir auch nahe, nicht zur Beerdigung nach Sao Paulo zu kommen. Ich flog trotzdem nach Sao Paulo und blieb im Hotel. Dort schaute ich mir die Beerdigung im Fernsehen an. Unfälle wie der von Ayrton sind der größte Schock. Weil niemand sich vorstellen konnte, dass ihm im Rennauto zur damaligen Zeit so was passieren könnte.
Wer ist der Beste von allen?
Schwer zu sagen. Das kommt immer auf die Umstände an und die Zeit, in der jemand aktiv war. Aber Senna war schon speziell. Wenn ich mich aber wirklich entscheiden müsste, dann vielleicht Alain Prost. Er hätte viel mehr Titel erreichen können als die vier. Er hatte oft Pech. Außerdem hatte er immer extrem starke Teamkollegen wie Ayrton Senna oder Niki Lauda.
Was ist mit Michael Schumacher?
Keine Frage, er hat Maßstäbe gesetzt. Aber sein Problem war: Er glaubte, dass er kein Limit hat. Deshalb passierten Dinge wie in Jerez 1997 (Rammstoß gegen Jacques Villeneuve, d. Red.) oder Monaco 2006 („Blockade-Parken“ im Qualifying in der Rascasse-Kurve, d. Red.). Die Skandale brachten zwar viel Publicity, aber nicht unbedingt die, die wir wollten.
Wie würden Sie ihn beschreiben?
Man konnte ihm vertrauen. Wenn man ihm einen Job gab, konnte man sicher sein, dass er ihn hundertprozentig erfüllen würde. Er war auch im positiven Sinne sehr einfach zu durchschauen.
War das Comeback bei Mercedes gut für ihn?
Es war gut für die Formel 1, weniger gut für ihn. Aber das meinte ich mit den Limits, die er für sich nicht kannte.
Welche Epoche der Formel 1 fanden Sie am besten?
Am meisten mochte ich die Siebziger. Weil die Leute damals einfach anders waren. Wahrscheinlich habe ich an diese Epoche auch die besten Erinnerungen, weil ich damals ein Team hatte und deshalb auch im Sport involviert war und nicht nur im Geschäft.
Sie wurden dann aber steinreich als Chefvermarkter.
Ja, obwohl ich nie Sachen machte, um Geld zu verdienen. Deals zu machen, war ein Art Wettbewerb für mich. Je mehr ich herausholen konnte, desto besser fühlte ich mich. Dass ich reich wurde, war die Folge davon aber nicht der Antrieb. Meine Inspiration war, das Unmögliche möglich zu machen. Dinge geschehen lassen, die vorher kaum jemand für möglich gehalten hat.
Sie haben eine berühmte Sammlung von Formel-1- Autos. Welches Auto mögen Sie am meisten?
Kein spezielles. Ich habe sie halt irgendwie im Laufe der Jahre erworben. Sie stehen in einem Hangar in einem Privatflughafen bei London. Wenn ich bis zum Abflug Zeit habe, schaue ich mir sie an.
Wie gut sind die Fahrer von heute? Zum Beispiel Hamilton und Vettel?
Heute haben die Piloten mehr Druck, Leistung abzuliefern. Früher wurden die Fahrer Stars, weil sie es einfach wurden. Sie wollten es nicht, sie taten nichts dafür, sie waren es einfach. Heute ärgere ich mich, wenn ich die Fahrer mit irgendwelchen Typen herumlaufen sehe, die sie bei allem, was sie tun, vermarkten wollen. Das ist doch irre. Sie halten ihnen Aufnahmegeräte vor den Mund – und dann sagen am Ende die Fahrer doch nur das, was ihre Geldgeber hören wollen. Da ist mir jemand viel lieber, der geradeaus sagt, was er denkt. Wenn es die Leute aufregt? Na und! Ich muss leider sagen, dass diese Sprachroboter mit Michael Schumacher angefangen haben. Michael wollte das sicher nicht bewusst, aber passiert ist es trotzdem. Mir tun die Fahrer heute nur noch leid.
Wird Vettel im Vergleich mit Hamilton beispielsweise unterschätzt?
Ja. Er hat das WettbewerbsGen, das die Fahrer früher auch hatten. Schon als ich ihn das erste Mal im Freitagstraining in der Türkei 2006 gesehen habe, wusste ich das. Warum? Weil er es mir gesagt hat. Und weil ich in seinen Augen sehen konnte, dass er es ernst meinte und bereit war, alles dafür zu tun. Die Formel 1 braucht einen Sebastian, der gewinnt. Und es gibt keinen Grund, warum neben Lewis nicht auch Sebastian Michael Schumachers sieben Titel erreichen kann.
Wie wird Hamilton bei einem Vettel-Erfolg reagieren?
Er wird es sicher akzeptieren. Denn er ist sensibel und clever genug, um zu wissen, dass er in diesem Fall den Job nicht gut genug gemacht hat. Er wird mehr mit sich im Unreinen sein als mit anderen.
Ist Max Verstappen ein Fahrer, der auch in frühere Formel-1-Zeiten gepasst hätte?
Ja. Ich traf Max das erste Mal, da hatte er noch nicht mal Barthaare. Aber ich konnte sehen: Der hat was Spezielles. Heute ist er der Fahrer, der für die Spannung sorgt. Leider ist er reifer geworden (Ecclestone lacht) und sorgt nicht mehr für so viel Entertainment. Aber er ist extrem wichtig für die Formel 1. Und ja, er wird die WM gewinnen irgendwann. Da habe ich keine Zweifel.
Was raten Sie Mick Schumacher, der Ferrari-Junior ist und sicher bald in der Formel 1 fahren wird?
Die Leute werden ihn immer vergleichen. Mein Rat an ihn: Er muss die Möchtegern-Experten ignorieren. 50 Prozent werden hoffen, dass er gewinnt; die andere Hälfte, dass er verliert. Denn auch das wäre eine gute Story. Er darf sich darauf nicht einlassen und muss sein Ding durchziehen.
Anderes Thema: Was halten Sie von der geplanten Budget-Einfrierung? Sie soll die Formel 1 wieder spannender machen.
Darüber reden sie schon seit Jahren. FIA-Präsident Jean Todt tut sein Mögliches. Ich glaube aber nicht, dass es funktionieren wird. Warum soll sich zum Beispiel Mercedes darauf einlassen? Sie machen Formel 1, um zu gewinnen. Dafür geben sie eine Menge Geld aus. Das ist ihr Vorteil. Warum sollen sie diesen Vorteil aufgeben? Das macht für sie keinen Sinn.
Wie wichtig war und ist Mercedes für die Geschichte der Formel 1?
Sie machten einen super Job. Sowohl damals wie auch heute. Das darf man ihnen nicht vorwerfen. Als die Hybridmotoren kamen, war die Sache gegessen. Mercedes war auf diesem Gebiet einfach zu überlegen. Deshalb hätten wir die Motoren nie einführen dürfen. Denn was wir immer vergessen: Formel 1 muss auch immer eine Art Entertainment sein. Wenn man die meisten Fans fragt, wissen die gar nicht viel über die Technik. Sie wollen Fahrer sehen. Helden, die spektakulär fahren und bei Unfällen aussteigen, sich den Mund abwischen und in die Menge winken.
Was war Ihre härteste Zeit in Formel 1?
Eine richtig harte Zeit hatte ich nie. Der Prozess in München (ein Korruptionsprozess, er wurde gegen eine Zahlung von rund 100 Mio. Dollar eingestellt / d. Red.) war natürlich nicht nett. Zweimal die Woche saß ich dort im Gerichtssaal und ich verstand nichts von dem, was sie sagten. Es war alles auf deutsch. Die Wahrheit ist: Der Freistaat Bayern sah die Gelegenheit, durch den Prozess zu sehr viel Geld zu kommen. Am Ende war es bloß ein Geschäft. Ein Beispiel: Mit dem Staatsanwalt war ich am Ende per Du. Wir begrüßten uns wie alte Kumpels. Er war ein richtig netter und sensibler Mensch. Er machte halt nur seinen Job. Ich bin nicht sauer auf ihn.
Hat es Sie hart getroffen, dass beim neuen Rechteinhaber Liberty kein Platz mehr für Sie war?
Über Liberty war ich nur enttäuscht, wie sie später mit mir umgingen. Bevor ich verkaufte, bot ich ihnen meine ganze Hilfe an. Ich schlug sogar vor, mir mit Chase (Carey, Liberty-F1-Chef, die Red.) ein Büro zu teilen. Das war, was ich erwartet habe. Aber alles was ich bekam, war eines Tages ein Telefonanruf von Chase. Er wollte mich am Montagmorgen treffen. Ich sagte, kein Problem. Ich ging also um zehn Uhr in sein Büro – und dann legte er mit einen Stapel von Papieren vor. Meine Entlassungspapiere. Er sagte, ich solle mir alles in Ruhe durchlesen, bevor ich unterschreibe. Dazu hatte ich aber keine Lust. Ich unterschrieb sofort und dann war ich weg. Ich hätte eine solche Sache anders abgewickelt.
Macht es sie trotzdem stolz, dass es in China den 1000. Grand Prix geben wird? Sie hatten schließlich mit Abstand den größten Anteil am Erfolg der Königsklasse …
Ja, ich verfolge die Formel 1 natürlich immer noch. Ich schaue mir jedes Rennen an. Und in China werde ich vor Ort sein. Interview: Ralf Bach