Der kurze Weg vom Bauch zum Kopf

von Redaktion

Wie Optimist Martin Schmidt den FC Augsburg vor dem Bundesliga-Abstieg bewahren will

VON GÜNTER KLEIN

Augsburg – Martin Schmidt ist in Augsburg angekommen. Mit, wie er einräumte, Hilfe des Navis. Wenn er mit Mainz 05 oder dem VfL Wolfsburg hier war, dann wurde er zum Stadion „hingekarrt“ und musste sich keine weiteren Gedanken machen. Die Altstadt, die kannte er schon, wenn er mit seinen früheren Bundesliga-Teams in Augsburg gastierte und mal aus dem Hotel ging. „Jetzt will ich mehr sein als ein Spaziergänger“, sagte er gestern nach seiner ersten Begegnung mit der neuen Mannschaft, bei der am Tag zuvor der große Umbruch in der sportlichen Leitung vollzogen worden war: Trainer Manuel Baum weg, Assistent Jens Lehmann weg, ebenso der Technische Direktor Stefan Schwarz. Der neue starke Mann ist Martin Schmidt, 51, der Schweizer mit der langen Mähne und der bunten Vita: Motorsportler, Skirennfahrer, Fußballtrainer.

Schmidt in Augsburg – der eine Teil dieser Geschichte ist die von der Erlösung eines Fußball-Freaks aus 14-monatiger Joblosigkeit. Im Herbst hatte der Walliser das Kribbeln verspürt, um Weihnachten herum flog er nach Marbella, wo viele Clubs sich auf ihre Rückrunde vorbereiteten „und man am Tag zwanzig Trainings anschauen konnte. Ich merkte, ich wollte wieder dazugehören.“ Am Mittwoch stand er dann endlich wieder selbst verantwortlich auf dem Platz, in Augsburg, und bilanzierte: „Die Fußballschuhe anziehen, den Rasen spüren, die Spieler in ihren Zweikämpfen schnauben hören – geil, das ist es!“ Da spürte Schmidt: „Das erste Eis ist gebrochen.“

Im zweiten Teil der Geschichte geht es nicht um eine Person, sondern um den Verein und all das, was an ihm dranhängt an Fan-Begeisterung, an Arbeitsplätzen, an Zukunft. Schmidt soll die Talfahrt des FC Augsburg aufhalten und dafür sorgen, dass auf das achte Bundesligajahr unmittelbar das neunte folgt. Dass das „in der Konstellation unter Manuel Baum gelingen könnte, dafür hat uns die Überzeugung gefehlt“, meinte am Dienstag Sport-Geschäftsführer Stefan Reuter, der zur allgemeinen Überraschung vom Präsidenten Klaus Hofmann eine Vertragsverlängerung bis 2023 spendiert bekam.

Der technokratische Baum hatte die Mannschaft nicht mehr erreicht, seine oft auch noch abends per WhatsApp übermittelten taktischen Instruktionen nervten die Spieler zusehends. Schmidt soll für eine andere Haltung stehen: „Optimismus“ (Reuter), „Positivität“, „einfache und wirkungsvolle Pläne stricken“ (Schmidt selbst). Er sei ein Mensch, bei dem es „eine kurze Schnur ist vom Bauch zum Kopf“, das will er auf die Mannschaft übertragen. Und so habe er den FCA immer wahrgenommen: als besonders leidenschaftlich. „Wenn der neue Bundesliga-Spielplan rauskam, hat man immer geschaut: Was ist das erste Spiel, was das letzte, wann geht es gegen Bayern, wann muss man nach Augsburg? Hier war es immer eklig.“ Das traf auch in der Baum-Zeit oft zu, der letzte Eindruck war aber ein 0:4 gegen Hoffenheim.

Augsburg steht auf Platz 15, vier Punkte vor dem Relegationsrang, den der VfB Stuttgart belegt. Auch auf den 14,, Schalke, trifft der FCA noch. Das Restprogramm (beginnend am Sonntag in Frankfurt) wird gemeinhin als schwer bezeichnet, Schmidt sieht eher die Chancen.

Sein Vertrag läuft bis 2020, im Fall des Klassenerhalts bis 2021. Demnächst will er eine Wohnung mitten in der Stadt beziehen. „in Cafés gehen, unter Leuten sein“. Martin Schmidt will auch leben.

Vertrag mit Reuter bis 2023 verlängert

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