Dallas/München – An einem Montagmorgen im März 1998 verlassen ein junger Basketballer und ein kauziger Physiker heimlich die Stadt Würzburg. Sie fahren nach Frankfurt, zum Flughafen. Wohin sie fliegen, hat der Basketballer nur seiner Mutter verraten und der Bundeswehr, der er gerade dient. Er hätte es gerne auch seiner Mannschaft erzählt, dem Zweitligisten DJK Würzburg, mit dem er gerade um den Aufstieg spielt. Doch der Physiker rät ihm: Ne, lass uns einfach verschwinden. Also brechen sie auf, fliegen, laden ein paar Stunden später in Dallas, einer Stadt im US-Bundesstaat Texas. Etwa 440 Kilometer weiter, in San Antonio, spielt der junge Basketballer, erst 19 Jahre alt, jedoch schon 2,13 Meter groß, im berühmten Nike Hoop Summit mit einer Weltauswahl gegen die besten Amerikaner seines Alters. Er sammelt 33 Punkte und 14 Rebounds – und schon in der Halle wundern sich die Amerikaner, wie ein blasser, dünner Junge sie so vorführen kann. Doch nicht einmal die Cleversten ahnen, dass dieser Junge aus Würzburg das Spiel, das sie einst erfunden haben, für immer verändern wird.
An einem Dienstagabend im April 2019, ein Tag ist das nun her, steht Dirk Nowitzki, inzwischen schon 40 Jahre alt, in der Basketballarena in Dallas, in seiner Halle, in seinem Trikot, mit der Nummer 41, das er nun schon seit 21 Jahren trägt. Er kann jetzt nicht einfach heimlich verschwinden, wie damals in Würzburg, die hellen Lichter der Scheinwerfer fangen ihn ein. Er will auch nicht weg. Er greift zum Mikrofon, wischt sich mit der anderen Hand durchs Gesicht, atmet ein und aus. Gleich wird er seinen Fans erzählen, dass er gerade zum letzten Mal in dieser Halle ein NBA-Spiel für seine Dallas Mavericks mitgemacht hat. Das ahnt irgendwie jeder, weiß aber noch keiner. Nur seine Familie, wenige Freunde – und natürlich Holger Geschwindner, der kauzige Physiker, der ihn bis heute fordert und fördert und auch in der Halle sitzt, weil ihr Verhältnis sehr viel enger ist als das von einem Mentor zu seinem Schüler. Als Nowitzki es dann auch den Fans sagt, kreischen sie. Auf dem Spielfeld stehen Larry Bird, Scottie Pippen, Charles Barkley, Detlev Schrempf – die alten NBA-Legenden, die gekommen sind, um sich persönlich zu verneigen. Der Milliardär Mark Cuban, dem die Mavericks gehören, verspricht sofort, vor der Halle eine Dirk-Statue zu bauen. Es hat Nowitzki schon immer hervorgehoben, dass ihm solche Huldigungen eher unangenehm sind, doch an diesem letzten Spieltag, in seiner Halle, in seiner Stadt, konnte und wollte er nicht verbergen, wie viel ihm das bedeutet. Am Ende des Abends sagt er: „Ich weiß, dass ich das hier alles verdammt vermissen werde. Aber es ist an der Zeit.“
Im Leben des Basketballers Dirk Nowitzki ist zwischen jenem Montagmorgen im März 1998 und jenem Dienstagabend im April 2019 so viel passiert, dass ein Text wie dieser nicht genügt, um alle Besonderheiten herauszustellen. Vielleicht muss man Nowitzkis Lebensleistung daher auf einen Satz herunterbrechen: Er hat den Basketballsport für immer verändert, ist sich selbst aber stets treu geblieben. Als Nowitzki 1999 erstmals in die NBA auflief, mussten Basketballer seiner Größe einfach genug Gewicht und Kraft vereinen, um sich direkt unter dem Korb zu behaupten, dort, wo eben um jeden Ball gerangelt wird. Nowitzki aber tüftelte inspiriert und angeleitet von Geschwindner vor allem an seinem Distanzwurf (Spezialität: der einbeinige Wurf im Zurückfallen, der kaum zu verteidigen war). Er hatte Glück, dass die Dallas Mavericks und ihr fortschrittlicher Trainer Don Nelson das erlaubten und zusammen mit ihrem deutschen Ausnahmespieler einen Spielstil schufen, der bis heute Vorbild geblieben ist.
Diese kleine Basketball-Revolution in Dallas machte die Mavericks zu eine der besten Mannschaften der NBA – und Nowitzki zu einem schwer reichen Mann. In der Nachbetrachtung ist es vielleicht sein größter Sieg, dass das Geld, das der Sportler Nowitzki verdiente, den Menschen Nowitzki nicht veränderte.
Nowitzki ist sich eben treu geblieben, den Mavericks übrigens auch, in all seinen 21 NBA-Jahren, was nicht selbstverständlich ist. Mit Dallas hat er viele große Spiele verloren, besonders 2006. Im NBA-Finale verkrampften sie gegen die Miami Heat, sie unterlagen in einer Serie, in der sie schon 2:0 führten. Nowitzki blieb, steigerte sich und wurde belohnt: 2011, in seinem zweiten NBA-Finale, besiegte er das Superteam der Miami Heat um LeBron James. Die Olympia-Teilnahme 2008 nannte er einmal den „schönsten Moment in meinem Leben“. Es war jedoch der NBA-Sieg, der sein sportliches Werk vollendete.
Jetzt, da er nach 21 Jahren aufhört, gibt es genug Meilensteine, die zeigen, wie außergewöhnlich seine Karriere war. Er ist 2007 als erster europäischer Profi zum wertvollsten Spieler der NBA-Hauptrunde gewählt worden, in der ewigen Punkte-Rangliste der Liga stehen nur fünf Spieler vor ihm. Um zu verstehen, was Nowitzki geleistet hat, muss man sich aber auch an eine Szene erinnern, die sich in der Halle in Belgrad zutrug. Im September 2005 spielte Deutschland gegen Griechenland dort im EM-Finale, vor 19 500 Fans, fast alle aus Griechenland. Von Anfang an beleidigten sie Nowitzki, den besten Spieler des Turniers, mit wüsten Schimpfwörtern. Deutschland war chancenlos, trotz des überragenden Nowitzkis. Und als dieser dreieinhalb Minuten vor Spielende ausgewechselt wurde, standen die leidenschaftlichen griechischen Fans auf und applaudierten dem Mann, den sie gerade noch beleidigt hatten – weil sie einfach nicht anders konnten.