„Ich beneide Brazzo nicht“

von Redaktion

Lutz Pfannenstiel über seinen Münchner Kollegen – und Düsseldorfs Chancen

München – In Bayern daheim, in der Welt zu Hause. Der gebürtige Niederbayer Lutz Pfannenstiel, 45, war beruflich in fast 20 Ländern unterwegs. Mittlerweile ist der Weltenbummler Sportvorstand bei Aufsteiger Fortuna Düsseldorf, der am Sonntag den FC Bayern empfängt. Im Interview spricht der frühere Torwart über das bevorstehende Duell mit den Münchnern und die Schwierigkeiten des Transfermarktes.

Herr Pfannenstiel, mit einem Sieg gegen den FC Bayern kann Düsseldorf auch rechnerisch die Klasse halten. Erleichtert?

Freilich ist die Motivation riesengroß, die Klasse an diesem Spieltag zu halten. Aber: Ich habe das Gefühl, dass wir bereits als gesicherter Nicht-Absteiger in die Partie am Sonntag gehen werden, auch wegen der Konstellation, dass Stuttgart auf Leverkusen trifft.

Die Bayern tun sich gegen vermeintlich leichte Gegner ohnehin schwer.

Es sind für Bayern die Spiele, bei denen jeder erwartet, dass sie sowieso gewinnen. Für die meisten Gegner ist es aber das Spiel des Jahres und sie legen zehn Prozent Leistungsbereitschaft drauf, um den großen FCB zu ärgern. Ich finde es menschlich, dass man gegen Mannschaften, die man als krassen Außenseiter sieht, nicht mit der Extraportion Schärfe in die Partie geht.

Gegen Dortmund hatte Bayern diese Schärfe.

Wir wissen doch alle, dass Bayern diese Big-Match-Mentalität hat und immer da ist, wenn es darauf ankommt. Gegen Dortmund hat es in der Allianz Arena in den vergangenen Jahren ja meistens ordentlich gescheppert. Darum war es für mich nicht überraschend, dass die Bayern da so ein tolles Spiel abgeliefert haben.

Die Fortuna könnte zum Zünglein an der Waage im Titel-Kampf werden.

Das ist eher ein statistisches Spielchen. Am Ende des Tages haben wir noch sechs Spiele – inklusive Bayern und Dortmund. Und wir gehen immer raus, um gut aufzutreten und Punkte zu holen. Wer sich letztlich im Titelrennen durchsetzt, hängt ja nicht nur von der Fortuna ab.

Wie würden Sie die Philosophie Ihres Vereins beschreiben, auch in Sachen Transferpolitik?

Wir haben ganz einfach nicht die finanziellen Möglichkeiten, große Einkäufe zu tätigen. Unsere Transferpolitik muss daher umtriebiger gestaltet werden. Sprich: ablösefreie Spieler, junge Spieler mit Potenzial, aber natürlich auch mit Leihgeschäften. Das heißt, dass wir auch stark von unserem nationalen und internationalen Netzwerk Gebrauch machen müssen.

Sie sprechen das internationale Netzwerk an. Auch der FC Bayern legt aktuell viel Wert auf ein ausgedehntes Scouting.

Jeder definiert Scouting anders. Für Vereine wie Bayern oder Dortmund ist Scouting in meinen Augen eher die Analyse des Marktes von Spielern, die bereits auf sehr hohem Niveau spielen. Wir hingegen versuchen Spieler, die noch nicht jeder auf dem Schirm hat, zu finden und bei uns zu fertigen Bundesligaspielern zu machen. Das sind dann eben Spieler, die noch keiner kennt und nur den absoluten Fußball-Insidern etwas sagen. Oder Spieler, die bei anderen Klubs ins zweite Glied gerutscht sind und wenig Chancen sehen, in der ersten Mannschaft zu spielen. Das sind unsere Transferziele. Man hat ja den Aufschlag eines Dodi Lukebakio gesehen, der vom FC Watford ausgeliehen wurde.

Wer hat es leichter: Ein Sportvorstand, der auf jeden Cent schauen muss oder einer, der nicht auf das Geld achten muss – bei dem die Fallhöhe bei misslungenen Transfers aber deutlich höher ist?

Am Ende des Tages sollen die gesteckten Ziele erreicht werden. Das sind bei Bayern Titel und bei uns der Liga-Verbleib. Ich denke, dass beides gleich schwer ist. Jeder hat seine Herausforderungen. Sie können ja mal den Brazzo (Hasan Salihamidzic/Red.) fragen, wie viele Stunden er am Tag schläft – da kommen wir ziemlich sicher auf die gleiche Zeit.

Beneiden Sie Salihamidzic, Transfers wie den von Lucas Hernandez stemmen zu dürfen?

Beneiden tue ich ihn nicht. Es ist natürlich ein Mega-Transfer, auf den die ganze Fußballwelt schaut. Alle erwarten, dass Hernandez in München sportlich einschlägt. Von dem her lastet da natürlich ein großer Druck drauf. Hernandez kommt mit großen Vorschusslorbeeren und einer großen Klasse. Jeder erwartet, dass er der Bundesliga sofort seinen Stempel aufdrückt.

Sie sind ein Weltenbummler. Was ist für Sie Heimat?

Bayern – sprachlich und ich bin auch dort geboren. Nur, da ich mein halbes Leben lang in fast 20 verschiedenen Ländern unterwegs war, ist Heimat für mich nicht ortsbezogen, sondern personenbezogen. Heimat ist für mich da, wo meine Eltern sind.

Interview: Manuel Bonke

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