Dortmund – Marco Reus hat eine große Sehnsucht. Auf dem beschwerlichen Weg zum erhofften Meistertitel wünscht sich der BVB-Kapitän Lockerheit, Spaß am Fußballspielen, Inspiration – Eigenschaften, die der Nationalspieler bei sich und seinen Dortmunder Kollegen seit Wochen zu vermissen scheint. Und freie Köpfe, denn „natürlich spielt der Kopf eine Rolle“. Reus’ Analyse nach dem 2:1 (2:0) über den FSV Mainz 05 lässt erahnen, dass er sich vor allem um die mentale Belastbarkeit des Teams sorgt.
Trainer Lucien Favre bestätigte die Einschätzung seines Spielführers, als er bemerkte, die Mannschaft habe nach dem desaströsen 0:5 bei Titel-Mitbewerber FC Bayern „viel Druck“ gehabt: „Es ist ein Analyseproblem – wir sind immer am Limit.“ Nun, vor den verbleibenden Herausforderungen in Freiburg, gegen Schalke, in Bremen, gegen Düsseldorf und bei Favres Ex-Club Gladbach, muss und will der Schweizer „ein paar Dinge korrigieren“.
Die Korrekturen sind augenscheinlich nötig – nicht erst seit Samstag. Die 1:2-Niederlage in Augsburg, das 0:0 beim Abstiegskandidaten Nürnberg oder das 3:2 von Berlin lassen erkennen, dass die psychische Last phasenweise auch die Beine schwer macht. Und hätte der neben dem Doppel-Torschützen Jadon Sancho (17./24. Minute) vor allem in der Schlussphase überragende Roman Bürki nicht die drei Punkte gegen Mainz festgehalten, wäre es zu einem erneuten Rückschlag im Duell mit den Bayern gekommen.
„Dass wir uns zu Hause den Schneid abkaufen lassen, war nicht schön zu sehen“, sagte Reus, der die zweiten 45 Minuten als „ganz schlecht“ einordnete. Bürki fragte sich nach dem Anschlusstreffer von Robin Quaison (83.), wie lange das Ganze wohl noch lange gut gegangen wäre: „Es hat sich angefühlt, als hätten die Mainzer zwei Spieler mehr auf dem Feld.“
Eine simple Umstellung von Mainz-Chefcoach Sandro Schwarz auf ein 4-4-2-System mit Mittelfeld-Raute führte nach der Pause zu Bürkis Gefühl, das nicht trog. Es schien, als stünden die BVB-Profis gegen Ende komplett neben sich. Insbesondere nach dem 2:1 war die Ordnung dahin. Es sei regelrecht „wild“ geworden, kommentierte Borussia-Sportdirektor Michael Zorc: „Da wurde es noch mal richtig eng.“
Ob das etwas mit der Pleite von München zu tun hatte, konnte Zorc nicht sagen. Stattdessen hielt er es mit allen, die den knappen Erfolg bewerteten. Da hieß es, „nur das Ergebnis zählt“ (Favre), „ich nehme die drei Punkte und freue mich“ (Zorc), „wir haben die drei Punkte, das ist das Wichtigste“ (Axel Witsel). Nur Bürki und Reus trieb auch die Frage um: Wie kann die Mannschaft es schaffen, sich so zu befreien, dass spielerische Gelassenheit und Inspiration wieder zu wesentlichen Elementen des BVB-Tuns auf dem Rasen werden?
Woher die Verunsicherung rühre, wurde der Schweizer Schlussmann gefragt. „Ich weiß es nicht“, sagte Bürki: „Ich werde noch mal mit ein paar Jungs reden müssen. Ich will wissen, welches Gefühl sie hatten.“ Reus appellierte bei Sky an Wesentliches und das, was am Ende den Unterschied ausmachen könnte zwischen dem BVB und den Bayern: „Wenn du Meister werden willst, musst du über deine Grenzen gehen.“