„Wir sind gesprungen wie die Steinböcke“

von Redaktion

Karl Koller, der eben seinen 100. Geburtstag feierte, ist ältester lebender Hahnenkammsieger

Kitzbühel – Er hat die Hahnenkamm-Kappe auf dem Kopf, als er den Reporter in seinem Häuschen in Kitzbühel an der Luggeistiege empfängt. Karl Koller ist eine Legende – der älteste noch lebende Sieger des berühmtesten Skirennens der Welt. Der gebürtige Kitzbüheler war 1946 mit 27 Jahren der erste Hahnenkamm-Kombinationssieger nach dem Zweiten Weltkrieg. Am gestrigen Dienstag ehrten ihn der Skiclub und die Stadt Kitzbühel wieder aus einem ganz besonderen Grund: Karl Koller, geboren am 16. April 1919, feierte seinen 100. Geburtstag!

Nach seiner aktiven Zeit hatte der in äußerst bescheidenen Verhältnissen lebende Querdenker die weltberühmte Skischule „Rote Teufel“ gegründet und 25 Jahre lang geleitet, wobei der Skischul-Pionier als Erster das einheitlichen Outfit einer Skilehrer-Gemeinschaft mit rotem Pullover und roter Zipfelmützen als Markenzeichen einführte. Später brachte der Kitzbüheler Ski-Papst, der eigentlich Schriftsteller werden wollte, einige Bücher über den Skisport sowie Gedichtbände heraus. Gedichte sind seine Leidenschaft. Wie der Skisport. Und seine Liebe Ida. Mit Ida Hechenberger kam der Witwer erst zusammen, als sie 70, er 80 Jahre alt war. Bei unseren Treffen erinnert sich Koller an die urigen Zeiten des Skisports mit Holzski, seine „Vaterrolle“ für die FilmSchauspielerin Romy Schneider, der er das Skifahren beibrachte. Ein Gespräch mit einem 100-Jährigen.

Herr Koller, Sie würden mich überraschen, wenn Sie Ihren 100. Geburtstag oben am Hahnenkamm gefeiert hätten, beim Skifahren?

Jetzt nicht mehr. Mit 93 Jahren bin ich noch Ski gefahren, dann – der Ida zuliebe – nur noch Langlaufen gegangen (lacht). (Ida ergänzt: „Er ist auch mit 93 noch sehr gut gefahren, da mussten seine Enkel sogar schauen, ihm nachzukommen“). Mir geht es dem Alter entsprechend: Es zwickt halt hinten wie vorne.

1946 wurden Sie berühmt. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Triumph am Hahnenkamm?

Die Sache war ziemlich schwierig. Ich war Skilehrer für die amerikanischen Soldaten. Der Oberst hat mir zwei Tage freigegeben, um beim Rennen mitzufahren. Abends bin ich immer über die Streif nach Hause gefahren – manchmal war es schon dunkel – das war mein Training. Es war furchtbar, wenn es den ganzen Tag geregnet hat und abends alles gefroren war, auch die Buckel, wo wir drübergehupft sind. Ich weiß nicht, warum ich nicht umgefallen bin. Bei diesem Rennen war schon auch Glück dabei. Wir sind damals heruntergesprungen wie die Steinböcke. Zu dieser Zeit sind wir ja noch Abfahrt und Slalom mit den gleichen Ski gefahren. Logisch, weil sich keiner einen zweiten Ski leisten konnte. Heute brauchen sie zehn Paar Ski. Ich bin froh, dass ich heute nicht mehr fahren muss.

Warum?

Ich mochte eisige Pisten nie. Jetzt ist das irgendwas zwischen Schlittschuhlaufen und Skifahren. Unsere Ski waren aus Holz und 2,20 Meter lang, aber ich habe schon 1953 einen Vortrag in Davos gehalten, dass man mit kurzen Ski leichter das Skifahren erlernt. Bei der Entwicklung des Skisports bin ich allerdings zweimal sehr überrascht worden: Mit dem Carving und dem Kunstschnee. Dass eines Tages ganze Abfahrten beschneit werden, habe ich mir nicht vorstellen können. Für meine Begriffe ist das heute mehr Artistik als Skifahren. So vielfältig, wie die Athleten heute sein müssen, das ist schon enorm.

Sie sind als jüngstes von zehn Kindern aufgewachsen. Mussten Sie mit Erfolgen im Skisport um Beachtung kämpfen?

Richtig. Von meinen sehr strengen Eltern habe ich nie Lob bekommen. So habe ich versucht, richtig schnell Ski zu fahren. Ich wollte mir die fehlende Anerkennung mit Erfolgen im Sport erkämpfen. Ich bin überhaupt der Meinung, dass der Sport sehr große Möglichkeiten zur Versöhnung der Menschen aufzeigt. Ich finde das herrlich. Da zählt nur die Leistung – egal, ob du reich oder arm bist. Der Beste soll gewinnen, Amen!

Als Leiter der Skischule „Rote Teufel“ (1950 bis 1975) hatten Sie berühmte Gäste. Der US-amerikanische Astronaut James Arthur Lovell und Schauspielerin Romy Schneider lernten bei Ihnen das Wedeln.

Ich war weit mehr als Skilehrer – auch Beichtvater. Die Romy hat mir alle ihre Schwierigkeiten erzählt, die sie mit ihren Liebschaften hatte. Romy war eigentlich eine reiche Arme, allein gelassen. Sie hat mir erzählt, dass sie oft geweint hat.

Sie wollten doch eigentlich nach der Karriere Schriftsteller werden?

Ich habe etwa 300 Gedichte geschrieben. Meine Idee war früher, in jedem Land der Welt ein Jahr zu leben, um zu erfahren, wie die Menschen dort leben. Durch den Krieg wurde daraus nichts. Ich musste einrücken. Dann war der Plan erledigt, Reporter zu werden. Ich bin verwundet worden, dann hat mich meine Jugendliebe im Bombenhagel gefunden – wir waren dann 54 Jahre verheiratet. Jetzt habe ich meine zweite große Liebe Ida – ein Riesenglück.

Ist der Ski-Rensport von heute noch Ihre Sache?

Nicht nur der Ski-Rennsport, alles wird auf die Spitze getrieben! Wo soll das noch hinführen? Über die Felsen springen, Salto schlagen beim Freestyle, und, und, und. Da frage ich mich, wo ist da der Nervenkitzel? Ich schaue die Rennen schon noch im Fernsehen, aber meine Augen sind nicht mehr so gut, und vor allem höre ich schlecht. Damit muss man leben.

Haben Sie ein Rezept, wie man 100 Jahre alt wird?

Nein, das machen die Gene. Und das Leben. Ich war nie jemand, der in ein Gasthaus gegangen ist. Das heutige Leben, wo du alles hast, ist nicht gut. Im Überfluss liegt der Hund begraben. Ich habe nie länger als drei Stunden geschlafen. In der Früh war ich der Erste am Berg bei meinen Skilehrern, da musst du auch der Erste sein, sonst kannst du die anderen ja nicht bestrafen, wenn sie zu spät kommen (lacht). Wenn man so hart aufwächst wie wir, wird man automatisch zu harten Menschen.

Gibt es einen Wunsch zum 100. Geburtstag?

Gar nichts. Ich wünsche mir nur, dass ich mit meiner großen Liebe Ida beieinander sein darf, ein bisserl mit ihr spazieren gehen kann. Gottseidank ist sie auch interessiert am Skisport.

Geben Sie mir eine Lebensweisheit mit auf den Weg?

Ich will es mit einem Gedichte sagen: ,Warum es so wenig Freunde gibt, weil der Mensch sich selbst am meisten liebt. Und ein großes Übel zu jeder Zeit, ist der Neid.‘ Das Gespräch führte Jörg Köhle

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