ZWISCHENTÖNE

Arp, Kurt – und das verlorene Maß

von Redaktion

Im Netz findet sich ja allerlei Schwachsinn, manchmal aber gibt es noch lichte Momente für die Freunde etwas geistreicherer Tweets. In dieser Woche zum Beispiel twitterte einer: „Wintzheimer, für Bayern nicht gut genug, bekommt im HSV-Kader den Vorzug vor Arp und trifft in Köln. Genau mein Humor.“

Dazu sollte man wissen, Manuel Wintzheimer ist letzten Sommer ablösefrei aus dem Nachwuchs des FC Bayern nach Hamburg gewechselt, von dort kommt nun für satte drei Millionen Jan-Fiete Arp nach München. Der ist mit 19 ein Jahr jünger als Wintzheimer, konnte aber in dieser Saison in gerade mal 382 Zweitliga-Minuten noch nicht wirklich das Wahnsinnstalent nachweisen, das den Bayern Millionen wert ist.

Drei Millionen haben die Bayern vor knapp fünf Jahren auch für einen gewissen Sinan Kurt bezahlt, damals unter heftigem Mediengetöse von Gladbach weggelotst. Für die Münchner bestritt Kurt gerade mal ein halbes Bundesligaspiel, heute kickt er für die WSG Wattens in der zweiten österreichischen Liga. „Gescheitertes Talent“ nennt man so etwas. Woran aber ist er gescheitert? Matthias Sammer sieht Kurts größtes Problem darin, „dass ihm in der Jugend schon alle gesagt haben, was er für ein super Spieler ist“, vor allem eben die Bayern. Was Sammer nicht erwähnt: man hat den damals 18-Jährigen dazu noch mit irrsinnig viel Geld verrückt gemacht.

Ist dieser Umgang mit blutjungen Menschen nicht das das eigentlich Verwerfliche am immer weiter ausufernden Transferwahnsinn, der die Grenzen des guten Geschmacks längst hinter sich gelassen hat?

Norbert Elgert gilt als erfolgreichster Jugendtrainer Deutschlands, mehr als 80 Bundesligaprofis sind beim FC Schalke 04 durch seine Ausbildung gegangen. Elgert hat es so deutlich nicht gesagt, aus seinen Worten ließe sich aber durchaus folgern, dass es fast schon ein Verbrechen ist, was der Fußball mit jungen Menschen anstellt. Einige sind um die zwanzig Jahre und schon mehrfache Millionäre, hat Elgert der SZ erzählt. Die können sich plötzlich locker kaufen, was andere sich im Leben nicht leisten können. Das richtig einzuordnen, sei unglaublich schwer.

Elgert hat natürlich recht, kein Mensch ist x-Millionen wert. Und ein Fußballer nicht mehr als jeder andere Mensch. Wer aber ist mit gerade mal 19 so stark, dass er sich bei all dem Hype, der um ihn gemacht wird, über Charakter und Persönlichkeit definiert und nicht über Geld und Status? Wie soll ein Teenager am Boden bleiben, wenn er öffentlich in den Himmel gelobt wird und mit Geld zugeschüttet? Demut fordert Elgert, das bedeute für ihn die völlige Abwesenheit von Arroganz.

Ziemlich viel verlangt. Da wünscht man sich, dass zumindest das persönliche Umfeld des Jungen stabil bleibt, wenn der große FC Bayern ruft, für den Geld keine Rolle mehr zu spielen scheint. Viele Millionen hat er gerade in seine Akademie gesteckt, um seine Profis mal wieder mit selbst ausgebildetem Nachwuchs zu füttern. Vorerst aber handelt man nach altem Muster: Für Unsummen werden die Top-Talente der anderen geholt, Arp, Renato Sanchez, Alphonso Davies, vielleicht noch Hudson-Odoi aus Chelsea. Das ist gerade die Zukunft des FC Bayern. Was zählt da schon ein Manuel Wintzheimer, seit seinem 15. Lebensjahr in München ausgebildet?

Man kann das durchaus bedauern. Wirklich schlimm aber wäre, Jan-Fiete Arp, derzeit nicht gut genug für die Zweite Liga, würde bei Bayern den Weg eines Sinan Kurt gehen. Weil der Fußball längst jedes Maß verloren hat.

Von Reinhard Hübner

Der Fußball geht oft verantwortungslos mit Talenten um

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