Riga – Oft genug zieren sich Sportler, wenn es um Standortbestimmungen und Favoritenrollen geht; beschreiben sie die eigene Position zu positiv, dann wird ihnen das im Fall eines Scheiterns nicht selten als Überheblichkeit ausgelegt. Andrea Petkovic weiß, dieses Spiel läuft, aber in Anbetracht aller Umstände gönnte sich nach ihrem Sieg im Auftaktspiel im Fed Cup gegen Jelena Ostapenko (7:5, 6:4) eine klare Aussage. „Auf dem Papier sind wir jetzt die großen Favoriten“, sagte sie Karfreitag in Riga, „das muss man einfach so sehen.“
Beide Mannschaften spielen dieser Tage gegen den Abstieg aus der Weltgruppe im Fed Cup ohne ihre Nummer eins; den Lettinnen fehlt Anastasija Sevastova (Rückenverletzung), und Angelique Kerber blieb nach einer Grippe zuhause. Doch was rein rechnerisch nach einem Unentschieden aussieht, das macht doch in der Praxis einen gewaltigen Unterschied. Denn nach Sevastovas Ausfall blieb nur eine Spielerin mit Erfahrung auf der Seite der Gastgeberinnen übrig – Jelena Ostapenko, die Siegerin der French Open 2017 und Halbfinalistin von Wimbledon 2018. Es sah also so aus, dass vieles für die Gastgeberinnen in der Arena Riga von den Auftritten ihrer Nummer zwei, die zur eins aufgerückt war, abhängen würde.
Wer gegen die temperamentvolle, unberechenbare Jelena Ostapenko spielt, der braucht neben diversen technischen und athletischen Fähigkeiten vor allem eines: gute Nerven. Und es dauerte eine ganze Weile, bis Andrea Petkovic eine stabile Position fand. In der ersten halben Stunde wirkte sie zu passiv, unter Druck machte sie Fehler, sie ärgerte sich selbst am meisten darüber, dass sie nicht mehr riskierte. Es wurde besser, nachdem sie beim Stand von 4:5 bei Kapitän Jens Gerlach Dampf abgelassen hatte. „Ich spiele wie ein Weichei und ömmel’ hier nur rum“, schimpfte sie. Aber es schadet ja bekanntlich nicht, Wahrheiten auszusprechen. Mit nun besser sitzendem Nervenkostüm spielte sie konzentrierter, druckvoller und befreiter, der Lohn war ein Break zum 5:5.
Ostapenkos Spiel wurde nun immer fehlerhafter, Petkovic gewann den ersten Satz und zog im zweiten schnell auf 5:1 davon. Danach wich sie noch mal kurz vom geraden Weg zum Erfolg ab, sie vergab den ersten und den zweiten Versuch, das Spiel mit eigenem Aufschlag zu gewinnen, doch am Ende war es die Lettin, die das letzte Aufschlagspiel der Partie zum 5:7, 4:6 verlor. Andrea Petkovic fiel keine ganz kleine Last von den Schultern, alle im deutschen Team atmeten tief durch, weil sie wussten, welchen Wert dieser ersten Punkt gegen den Abstieg aus der Weltgruppe hatte.
Doch wie schnell und gefährlich sich die Dinge manchmal zuspitzen können, das erlebte die Mannschaft wenig später in der Partie von Julia Görges und Diana Marcinkevica. Görges hatte mit drei blockierten Halswirbeln ein paar ungemütliche Tage hinter sich, Die Lettin wirkte dagegen von Anfang an frisch und motiviert, und sie ließ sich auch vom verlorenen ersten Satz und vom Rückstand im zweiten nicht durcheinander bringen. Als es so aussah, als sei Julia Görges schon fast am Ziel, schnappte sie sich zur großen Freude der lettischen Fans den Satz, und sie spielte dabei definitiv besser, als sich das viele vorgestellt hatten.
Am Ende gewann die Favoritin zwar 6:4, 4:6, 6:1, aber der Verlauf des Spiels machte unmissverständlich klar, dass für die Deutschen selbst mit zwei Punkten nach dem ersten Tag noch eine gewisse Gefahr besteht. Wenn Jelena Ostapenko am Samstag gegen Görges nicht nur gut startet, sondern auch am Ende noch konzentriert bei der Sache ist, und wenn sich Diana Marcinkevica danach gegen Andrea Petkovic genauso munter und mutig präsentiert wie am Karfreitag, dann kann die Geschichte tatsächlich noch spannend werden.