Ein Prinz auf Durchreise

von Redaktion

Wer beim TSV 1860 von der Champions League träumt, wird für verrückt erklärt. Der Stürmer Prince Owusu tut es trotzdem. In der Winterpause zog er nach München, in ein Hotel, alleine – für seinen großen Traum. Über einen Fußballer, der weiß, was er will – und bald erfahren wird, ob er es auch kann.

VON CHRISTOPHER MELTZER

München – Als Prince Owusu von seinem großen Traum erzählt, filmen zwei Kameras mit. Sie zeigen einen jungen Stürmer, 1,91 Meter groß, eingehüllt in einen blau-weißen Kapuzenpullover von Arminia Bielefeld, dem Fußballverein, dem er sich gerade bis 2021 verpflichtet hat. Sie zeigen auch einen jungen Mann, der, wenn er spricht, nach vorne schaut, nie nach unten, der einfach erzählt, wovon er träumt, was sich dann so anhört: „Klar, es ist auch mal das Ziel, in der 1. Bundesliga zu spielen, Champions League wäre auch ein schönes Erlebnis, und eine EM oder eine WM zu spielen, wäre auch eine schöne Sache.“ Was die Kameras im Bielefelder Clubhaus aufgenommen haben, kommt später ins Internet. Sieben Monate ist das nun her.

Als Prince Owusu am vergangenen Dienstag wieder von seinem Traum erzählt, sitzt er in einem Konferenzraum in der Grünwalder Straße 114 in München. Er trägt einen grauen Kapuzenpullover, schaut nie nach unten, wenn er spricht, ansonsten hat sich viel verändert. In Bielefeld durfte er bis zur Winterpause 234 Zweitliga-Minuten spielen, danach hat die Arminia ihn verliehen, an den TSV 1860, in die 3. Liga, noch ein bisschen weiter weg also von seinem Traum von der Bundesliga, der Champions League, der EM und der WM. Glaubt er noch daran? „Immer, daran hat sich nichts geändert, dafür spiele ich.“

Wer in der Grünwalder Straße von der Champions League träumt, wird sofort für verrückt erklärt. Wer aber Owusu lange genug zuhört, denkt irgendwann: Vielleicht ist ja der verrückt, der nicht träumt. Er jedenfalls versteht sehr gut, dass im Fußball, der großen Traumfabrik, alle wollen, was nur wenige kriegen. Jetzt, mit 22 Jahren, weiß er allerdings mehr denn je, was er will – und versucht gerade herauszufinden, ob er es auch kann. Als junger Stürmer, der lernt, die Wucht seines Körpers richtig einzusetzen. Und als junger Mann, der erfährt, wie sehr die Ungewissheit in seinem Beruf quälen kann. In München gibt’s für ihn keine Kaufoption, keine Zukunft. „Ich bin hier, weil ich mich entwickeln will“, sagt Owusu. „Weil es einen Job gibt, den ich zu erledigen habe. Ich bin dankbar, diese Chance zu haben, auch wenn es fern der Familie Momente gibt, die etwas schwerer zu bewältigen sind.“

Eigentlich aber hat sich der Fußball für Owusu so nie angefühlt. In seiner Heimatstadt Stuttgart schleuderte er früher jeden Mittag den Schulranzen in die Küche und flitzte in den Sportpark Feuerbach, um zu kicken: jeder gegen jeden, egal, wie alt, egal, wie groß, manchmal so lange, dass es für die Hausaufgaben nicht mehr reichte. Mit zwölf Jahren wechselte er ins Nachwuchsleistungszentrum des VfB Stuttgart. Mit 14 Jahren traf er für die deutsche Jugendnationalmannschaft. Mit 17 Jahren schoss er die meisten Tore in der B-Junioren-Bundesliga. Mit 18 Jahren spielte er erstmals in der 3. Liga. Mit 21 Jahren wechselte er in die 2. Liga. So weit schaffen es nur wenige. „Beim VfB“, sagt er, „war es jedes Jahr so: Zehn sind neu gekommen, zehn mussten gehen.“ In den Profifußball haben es nur drei geschafft.

Um dazuzugehören, hat Owusu auf viel verzichtet. Keine Partys, kein Rambazamba, wie er es nennt. Schule, Training, essen, schlafen. Er beklagt sich nicht, denn: „Wenn man es geschafft hat, zahlt es der Beruf sehr gut zurück.“ Sein Geld steckt er in seine Wohnung. „Ich fühle mich zu Hause einfach am wohlsten“, sagt er. In Bielefeld hat er oft Freunde eingeladen, sie zockten, schauten Filme, redeten. In München geht das nicht. Der TSV 1860 hat Owusu in einem Hotel untergebracht. In einem guten, klar, aber trotzdem in einem Hotel, alleine. „Du hast einen Rückzugsort“, sagt er, „aber es ist nicht dein Rückzugsort.“ Jeden Abend telefoniert er, mit seiner Familie, mit seinen Freunden. Das hilft ihm. „Ein paar Tage sind einfacher, ein paar Tage schwerer.“

Vielleicht sind es aber solche Tage, die Owusu als Fußballer in der Traumfabrik voranbringen. Er sei „mental sehr viel stärker geworden“, sagt er. Durch die Auf und Abs. Durch die 607 Drittliga-Minuten (zwei Tore, fünf Gelbe Karten). Durch die Fans des TSV 1860, die ihn noch immer erstaunen. „Ich habe schon viel erlebt“, sagt er, „das aber noch nicht.“ Wenn sie brüllen und singen, fühle sich das an, als werde man von hinten angeschoben. Fünf Spiele darf er das noch genießen – dann wird er wohl weiterziehen, seinem großen Traum hinterher. Ob er sich irgendwann erfüllt? Man muss das nicht glauben – es reicht ja, wenn er es tut.

Artikel 1 von 11