Lake Louise – Als am Donnerstag erste Meldungen im Netz über das Lawinenunglück die Runde machten, war die Alpin- und Kletterszene geschockt. Ein paar Stunden später bewahrheiteten sich die schlimmsten Vermutungen. Die beiden Ausnahmealpinisten David Lama (28) aus Innsbruck und der Ötztaler Kletterer Hansjörg Auer (35) sowie der US-Alpinist Jess Roskelley (36) wurden laut Angaben kanadischer Behörden am Mittwoch in Kanada von einer Lawine verschüttet.
„Ich kann nicht glauben, dass es real ist“, sagte der Münchner Extremkletterer Stefan Glowacz. Die drei Bergsportler hatten versucht, die als extrem schwierig geltende Ostflanke am Howse Peak (3295 m) zu besteigen. Es sollte ihr letztes Abenteuer werden. Stephen Holeczi, einer der Sicherheitsverantwortlichen des Nationalparks, bestätigte, dass es „überzeugende Beweise“ für den Tod der drei Alpinisten gebe. Eine Bergung war bisher wegen des schlechten Wetters nicht möglich. Lama und Auer galten als extrem erfahrene, aber zugleich auch als überaus wagemutige Alpinisten.
Bergsteiger-Legende Reinhold Messner bezeichnet die beiden Tiroler Kletterer schon mehrfach als „die besten Bergsteiger der Gegenwart“. Auch der 74-Jährige zeigte sich schockiert: Der Unfall zeige, dass das traditionelle Bergsteigen, bei dem man sich in die „absolute Wildnis“ begebe und dabei alles selber mache, „wahnsinnig gefährlich“ sei, so Messner. „Es handelt sich dann nicht mehr um eine Frage des Könnens, sondern von Glück und Unglück.“ Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz erklärte via Twitter: „David Lama und Hansjörg Auer haben in den vergangenen Jahren mit einer Vielzahl von Erfolgen die internationale Kletter- und Alpinszene geprägt. Meine Gedanken sind bei den Familien und Freunden der beiden Tiroler.“
Jess Roskelley hatte 2003 gemeinsam mit seinem Vater John, ebenfalls ein bekannter Bergsteiger, den Mount Everest bestiegen. Zu diesem Zeitpunkt war er 20 Jahre alt und damit der jüngste Bergsteiger, der den höchsten Berg der Welt bezwungen hatte. Seit 2010 gehört dieser Rekord Jordan Romero, der den Everest als 13-Jähriger bestieg. Roskelley, der zuletzt in Alaska lebte, wo er zahlreiche neue Routen erschloss, hinterlässt seine Ehefrau Alli.
David Lama, Sohn einer Innsbruckerin und eines nepalesischen Bergführers, kletterte seit seinem sechsten Lebensjahr und lieferte zahlreiche Meilensteine im Alpinismus. Unter anderem gelang ihm mit der ersten freien Begehung der berüchtigten Kompressor-Route am Cerro Torre in Patagonien 2012 ein Meisterstück. 2018 gelang ihm die Erstbebesteigung des 6905 Meter hohen Lunag Ri in Nepal im Alleingang.
Der Ötztaler Hansjörg Auer wurde vor allem durch seine Free-Solo-Klettertouren bekannt. Dabei wird eine Kletterroute im Alleingang unter Verzicht auf technische Hilfs- und Sicherungsmittel begangen. Im April 2017 bewältigte Auer die 1220 Meter lange Route „Weg durch den Fisch“ in den Dolomiten auf diese Weise. Im Juli 2018 gelang ihm die Solo-Erstbegehung am 7181 Meter hohen Lupghar Sar West im Karakorum. 1996 hatte der studierte Mathematik- und Sportlehrer erstmals Kletterschuhe an seinen Füßen.
Als Erster schlug John Roskelley Alarm. Sein Sohn hätte sich bis Dienstag melden sollen, was er aber nicht tat. Roskelley Senior informierte die Behörden von „Parks Canada“, die eine Suchaktion per Helikopter einleiteten. Wie verlautete, wurden im entsprechenden Gebiet ein massiver Lawinenkegel, Kletterausrüstung und ein teilweise von Schnee bedeckter Körper gesehen. John Roskelley erklärte: „ „Es ist eine dieser Routen, bei der die Bedingungen perfekt sein müssen, sonst wird es zum Albtraum. Genau das ist passiert.“
Warum Lama und Auer, die mehrfach gemeinsam unterwegs waren, ein Leben lang bewusst das Risiko, die Grenzerfahrung suchten, haben sie in vielen Interviews zu erklären versucht. Bergsteigen auf höchstem Niveau war nicht nur ihre Leidenschaft, sondern gewissermaßen auch ihre Bestimmung. Grenzen zu verschieben, das Unmögliche möglich zu machen, war wohl die Triebfeder der beiden Bergsteiger. Die Gefahr, der sie sich dabei permanent stellten, nahmen sie wohl billigend in Kauf.
Auf die Frage, wieso er immer wieder seilfrei klettert, antwortete Auer einst: „Der Reiz, es zu tun, ist stärker als die mahnende Vernunft.“