Unterhaching – Am Ende, sagt Jim-Patrick Müller, 29, habe sein Opa doch irgendwie recht gehabt. Heini Müller, 85, einer der Meisterhelden des 1. FC Nürnberg, habe neben einigen aus der Zeit gefallenen Tipps („Bloß nichts beim Sport trinken!“) durchaus auch brauchbare Ratschläge erteilt, als sein Enkel mit der SpVgg Unterhaching gegen eine Torflaute historischen Ausmaßes ankämpfte. „Der Opa hat mir so simple Sachen geraten wie: Schau, dass du zum Abschluss kommst! Weil, wenn du nicht schießt, kann keiner reingehen.“ Gehört, getan. Am vergangenen Samstag in Köln, beim Spielstand von 1:0 für die Fortuna, zog Jimi Müller einfach mal ab, obwohl er kurz überlegt hatte, das Zuspiel von Lucas Hufnagel zu stoppen. Drin war das Ding – und ganz Haching erlöst. Nach einer kleinen Ewigkeit von 823 torlosen Minuten.
Die Folgen dieses Volltreffers sind weitreichend, wie die Nummer 13 der SpVgg Unterhaching berichtet. „Ich bin einfach froh, dass es am Wochenende geklappt hat“, sagt der gefeierte Torschütze und blickt auf Wochen des kollektiven Selbstzweifels zurück: „Man weiß, dass man’s nicht reinlassen darf in den Kopf, aber es ist ja nur normal, dass man sich Gedanken macht. Dass man sich vor dem Spiel denkt: Hoffentlich schießen wir heute ein Tor. Und was, wenn’s wieder nicht ist . . . Man soll sich ja keine schlechten Gedanken einreden, aber die kommen dann leider zwangsläufig.“
Am Samstag nicht. Dazu ging alles viel zu schnell, wie Müller die entscheidende Szene schildert: „Ich hab gesehen, dass der Hufi sich außen gut durchsetzt. Kurz hab ich gedacht: Oh, Mist, ich bin ja gar nicht anspielbar. Dann kam der Ball abgefälscht – und ich hab mich nur noch darauf konzentriert, ihn zu treffen. Umso schöner, als er dann drin war. Man hat ja gesehen, wie alle auf der Bank und auf dem Platz gejubelt haben. Das haben wir einfach mal wieder gebraucht.“
Die Überraschungsmannschaft der Hinrunde brachte das 1:1 über die Zeit und bejubelte nicht nur das Ende der Torkrise, sondern zugleich den ersten Punktgewinn seit dem 30. März (0:0 gegen Halle). Die Talfahrt in der Tabelle, die bedrohlich Fahrt aufgenommen hatte, wurde dank Müllers strammem Linksschuss gestoppt. Doch damit nicht genug: Dieses 1:1 dürfte als Monument der Befreiung auch Eingang in die sehr beachtlichen Annalen der aus Roth stammenden Familie Müller finden.
Opa Heini hat laut Jimi den Status einer „Club-Legende. Es kennen ihn noch sehr, sehr viele Leute in Nürnberg. Er ist eine absolute Marke, der mit seinen Geschichten ganze Säle unterhalten kann. Wie er mal mit gebrochenem Schlüsselbein weiterspielte, weil man damals noch nicht wechseln durfte. Wie er mit dem Club im Europapokal gespielt hat . . .“ Auch Papa Bernd, 56, hatte es immerhin zu einem soliden Zweitliga-Stürmer gebracht, der die Fusion aus SpVgg Fürth und TSV Vestenbergsgreuth Anfang der Neunzigerjahre in die 2. Liga schoss. Schöne Erinnerungsschätze sind das – denen Jimi beim nächsten Familientreffen nun etwas sehr Konkretes entgegensetzen kann. Wobei ihm selber das gar nicht so angenehm ist. „Man möchte eigentlich nicht mit dieser Phase in Verbindung gebracht werden“, sagt er: „Es gibt schönere Rekordtore, das muss man wirklich sagen.“ Der Bedeutung für seinen Verein ist er sich dennoch bewusst: „Es musste einfach mal wieder rein, das Ding. Und wer es dann gemacht hat, ist im Endeffekt völlig egal.“
Die Anflüge eines Personenkults sind Müller auch deshalb nicht recht, weil für Haching „nichts groß gewonnen“ sei, bis die angestrebten 45 Punkte auf dem Konto sind. Jena am Sonntag werde die nächste Herkulesaufgabe, ahnt er: „Da wird es genauso schwer, ein Tor zu erzielen.“ Wobei er schon glaubt, dass die befreiende Wirkung seines Treffers konserviert werden kann. Die Stimmung in der Kabine sei weiterhin gut, versichert er: „Hut ab vor der Mannschaft, dass sie sich nicht gegenseitig zerfleischt hat – das kann ganz schnell passieren in solchen Phasen. Wir wissen jetzt wieder, dass wir Tore schießen können. Vielleicht schießen wir am Sonntag auch mal das erste.“
Und wer weiß: Vielleicht gewinnt Haching auch mal wieder. Es wäre der erste Sieg nach neun sieglosen Partien. Müller sagt: „Das wäre absolut Gold wert für uns.“ Opa Heini hätte es nicht griffiger ausdrücken können.