Herr Dr. Cleven, Ihre Stiftung gibt es jetzt seit zehn Jahren in Deutschland. Wie kommt ein erfolgreicher Unternehmer dazu, sich nach einem äußerst fordernden Berufsleben so intensiv für die gesunde Entwicklung von Kindern zu engagieren?
Nachdem ich mich mit 55 Schritt für Schritt aus dem Managerleben zurückgezogen habe, wollte ich noch einmal etwas Neues entwickeln. Ich hatte Glück in meinem Leben, hatte Erfolg, konnte Geld ansammeln und wollte nun der Gesellschaft wenigstens einen Mini-Beitrag zurückzahlen. Dafür ist eine Stiftung das geeignete Instrument, da hatte ich schon aus meiner Zeit bei der Metro, wo ich für Otto Beisheim mehrere Stiftungen aufgebaut und betreut habe, Erfahrung.
Und warum fit4future?
Kinder sind unsere Gegenwart und Zukunft. Je früher wir damit anfangen, Kinder zu informieren und aufzuklären über die Bedeutung einer gesunden Lebensweise, desto mehr unterstützen wir sie bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit und sie bekommen später weniger gesundheitliche Probleme. Gesundheit ist die große Überschrift, Bewegung, Ernährung und Brainfitness sind die Unterpunkte dieses erfolgreichen Programms, das Robert Lübenoff initiiert hat und das ich mit meiner Stiftung sehr gerne unterstütze.
Auch, weil Sie als Führungskraft in der Wirtschaft die Erfahrung gemacht haben, dass sportlich aktive junge Menschen auch im Beruf erfolgreicher sein können?
Das belegen alle Studien, das wird immer bestätigt. Wer in der Jugend und Kindheit sportlich aktiv war, bringt viele Eigenschaften mit, die im Berufsleben hilfreich sind, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Teamgeist, um nur einige zu nennen. Wenn das nicht so wäre, würden wir auch kein Geld von Sponsoren bekommen, die musst du erst überzeugen. Wenn sie wissen, Cleven macht da etwas Nachhaltiges, Cleven arbeitet mit Hochschulen zusammen, Cleven lässt seine Projekte evaluieren, dann sind sie bereit, zu helfen.
Haben auch die Bildungspolitiker verstanden, dass Bewegung und körperliche Aktivität die geistige Fitness fördert?
Ich denke, die, die sich genauer mit der Thematik befassen, haben das verstanden. Das wissen wir doch alle, dass körperliche Betätigung auch für die geistige Flexibilität besser ist, als nur mit Computer und Spielkonsole zu spielen. Früher ist man nach dem Unterricht rausgegangen, hat sich bewegt, das ist heute nicht mehr so. Also muss das wieder in die Schulen rein.
Ein großer Teil der jungen Generation beschäftigt sich aber offensichtlich lieber mit Smartphone und Computer. Sehen Sie in der zunehmenden Digitalisierung eine Gefahr für die Gesundheit der Kinder?
Wir müssen versuchen, eine gesunde Balance zu schaffen zwischen Bewegung und der Beschäftigung mit digitalen Medien. Kinder gelten heute oft als gestresst, aber das Problem ist meist nicht der Stress, sondern die Regeneration. Wenn Kinder von einem anstrengenden Schultag kommen, setzen sie sich erst mal zur Erholung vor die Playstation. Bewegung aber wäre die deutlich bessere Alternative. Mit Sport und gesunder Ernährung lässt sich viel Kraft tanken.
Kinder zu Bewegung und gesunder Lebensweise zu animieren, ist eigentlich Aufgabe der Schule. Schafft sie das nicht mehr?
Das Problem ist doch, welche Schule hat überhaupt noch qualifizierten Sportunterricht, der Kindern Spaß an der Bewegung vermittelt und zum lebenslangen Sporttreiben animiert? Und Hauswirtschaft, wo das Thema gesunde Ernährung aufgegriffen werden könnte, gibt es kaum noch, weil man dafür eine spezielle Fachkraft und eine Schulküche bräuchte. Die Strukturen sind heute anders, als wir sie kannten.
Dabei gibt es doch genügend Studien, die belegen, wie wichtig die Themen sind.
Die „schlauen Professoren“ wissen alles, aber es passiert nichts. Zum Beispiel beim Wasser. Wir beklagen die Verschmutzung der Ozeane, produzieren aber jede Menge Kunststoffflaschen, die wir fürs Wasser gar nicht bräuchten. Das kommt aus der Leitung. Wir aber verschmutzen die Umwelt weiter, indem wir das Wasser mit Lkws durch die Gegend karren. Das Beste für die Gesundheit ist ein Glas Wasser aus dem Wasserhahn. Damit haben wir die ideale Konstellation, man tut was für die Umwelt und tut was für die Gesundheit. Das wäre so einfach, die Wissenschaftler aber sagen uns, es dauere eine Generation, bis wir unser Trinkverhalten ändern, also müssen wir sofort eine „Veränderungslawine“ lostreten.
fit4future versucht, die Kinder dafür zu sensibilisieren und über sie auch ins Bewusstsein der Eltern-Generation zu gelangen?
Ja, Kinder bringen das, was sie in den Schulen lernen, in die Familien, zusätzlich versuchen wir die Eltern über Broschüren, Info-Veranstaltungen oder über die sozialen Medien zu erreichen. fit4future soll ja nicht auf dem Schulhof enden. Wir müssen noch mehr Sensibilität für diese Themen schaffen, nur dann können wir etwas bewegen, etwas verändern.
fit4future erreicht zwar in Deutschland schon eine Million, aber trotzdem eben nur einen Teil der Kinder. Ist die Aktion mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein?
Meine Vision ist, alle, die sich mit der wichtigen Thematik Gesundheit beschäftigen, unter ein Dach zu holen. Es muss nicht jeder eine Stiftung gründen, aber wir brauchen viele Gleichgesinnte. In der Schweiz, wo ich wohne, haben wir mit fit4future schon eine große Bekanntheit erreicht, in Deutschland noch nicht. Wir müssen gemeinsam diese Marke aufbauen. Je mehr Leute und Organisationen wir ins Boot holen, desto mehr können wir erreichen. Sonst wird uns alles nur tröpfchenweise weiterbringen.
Mit der DAK-Gesundheit haben Sie einen starken Kompetenzpartner, dazu Partnerschaften wie mit der DFL-Stiftung, RTL und der United Kids Foundations.
Das Präventionsgesetz, das Sozialversicherungsträger zu Maßnahmen zur Gesundheitsförderung verpflichtet hat, war ein Glücksfall für fit4future. Die Kassen hatten noch kein Programm, aber die DAK hat schnell erkannt, mit uns das umsetzen zu können, was sie laut Gesetz nun umsetzen mussten. So entstand eine großartige Kooperation zugunsten der Gesundheit von Kindern.
In Bayern wurde ja vor rund 25 Jahren der Schulsport aus Kostengründen massiv gekürzt. Sagt man da jetzt im Kultusministerium, lasst die mal machen, dann sparen wir uns Ausgaben für mehr Sportunterricht an den Schulen?
Ganz so einfach ist das nicht. Das Problem ist, geht man zum Kultusminister und sagt, wir hätten da was Tolles, sagt der, schön, das ist dann der 101. Punkt, den Lehrer nach 100 anderen Punkten beherzigen sollen. fit4future aber überfordert keine Lehrkräfte, wir stellen die orangene Tonne hin, da sind spannende Spielgeräte drin, die Kinder in der Pause zur Bewegung animieren. Da muss kein Lehrer unbedingt ein spezielles Programm dafür haben. Jede Lehrkraft kann aber die Aktions- und Spielekarten im Unterricht individuell einsetzen – egal ob im Musik-, Sport-, Mathe- oder Deutschunterricht. Alle Lehrkräfte, die sich intensiver mit fit4future befassen, sehen die Erfolge und sind glücklich über unsere Unterstützung und unser Engagement.
Das jetzt sogar ausgeweitet wird. . .
Ja, wir gehen nun auch in den Kita-Bereich und an weiterführende Schulen. Das ist die logische und erfreuliche Konsequenz unserer erfolgreichen Arbeit. 2020 werden wir an 3200 Kitas und Schulen deutschlandweit mehr als eine Million Kinder und Jugendliche fit für die Zukunft machen.
Und verbessern damit die Welt, zumindest ein kleines bisschen?
Das wäre schön. Aber was die Welt betrifft, kann man realistisch betrachtet nicht allzu optimistisch sein. Dennoch gebe ich nicht auf. Wenn jeder versucht, im Kleinen was zu schaffen, ist viel erreicht. Auf die Politiker will ich mich nicht verlassen, die schaffen bestenfalls Rahmenbedingungen. Wir als Menschen müssen was bewegen, das geht schneller und ist kein Widerspruch.