In der Leipzig-Falle

Vor dem Gewissensgericht

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Seit gestern Abend und noch die kommenden Tage: große Gewissens- und Moraldiskussion in Deutschland. Darf man einen Elfmeter, wie die Bayern ihn im Pokalhalbfinale in Bremen zugesprochen bekamen, annehmen und verwandeln? Oder hätte das neulich in Düsseldorf gesprochene Thomas-Müller-Wort gelten müssen, dass es angebracht und sportsmanlike wäre, einen zu Unrecht erhaltenen Strafstoß demonstrativ neben das Tor zu ballern? Das Social-Media-Gericht begann umgehend mit seiner Sitzung.

Die Entscheidung der (Video)Schiedsrichter ist freilich nicht mehr zu revidieren, Deutschland hat nun eben ein Pokalfinale zwischen FC Bayern und RB Leipzig bekommen. Sportlich ist das eine attraktive Paarung, weil man den Österreich-Sachsen zutrauen kann, dass sie die Münchner vor Probleme stellen. Nicht umsonst sind sie Bundesliga-Dritter und werden, da er rechnerisch in Reichweite liegt, noch als Aspiranten auf den Meistertitel geführt, wenn irgendwo die Restprogramme abgedruckt werden.

Jedoch ist ein Pokalfinale, das unter den Vorzeichen eines auch bei rotgefärbter Sichtweise nicht zu vertretenden Elfmeters zustande kam, vor allem eine emotionale Angelegenheit. Da suchen die meisten Zuschauer seelischen Halt beim Gegner. Eintracht Frankfurt war im vorigen Jahr die ideale Projektionsfläche für die Anti-Bayern-Wünsche. Von den Frankfurt-Sympathiewerten ist Leipzig allerdings Dimensionen entfernt. Im bundesweiten Meinungsschnitt dürfte die Ablehnung des Projekts stärker sein als die Anerkennung für das Konzept. Man muss ja nur in die Stadien hineinsehen und -horchen, um diese Anti-RB-Stimmung zu erfassen.

Doch der Konflikt, zu wem man bei einem Spiel zwischen FC Bayern und Leipzig halten sollte, wird sich nicht auf das Pokalfinale in Berlin beschränken. Das Spiel Leipzig–Bayern gibt es auch am 33. Spieltag in der Bundesliga. Gleichzeitig findet Dortmund–Düsseldorf statt, und wenn der BVB nach 32 Spieltagen weiter auf einen Punkt an den Münchnern dransein sollte, müsste der Dortmunder Anhang auf diese eine Ergebnis-Einblendung aus Leipzig hoffen. Aber RB ist halt Intimfeind.

Dürfte im Westfalenstadion, auf der legendären Süd, jubelnd die Stimme erhoben werden für das, was „das Konstrukt“ leistet? Das wäre der nächste Fall fürs Gewissensgericht.

Guenter.Klein@ovb.net

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