München – Achtung, Denkfehler! Uli Hoeneß ist nicht seit 40 Jahren Manager des FC Bayern. Am 1. Mai 1979 war zwar sein erster Arbeitstag in München als Nicht-mehr-Spieler, sondern im Pulli an einem zunächst noch blanken Schreibtisch (den er mangels zu erledigender Aufgaben nach ein paar Stunden schon wieder verließ). Doch den Managerposten hat er ja 2009 abgegeben, weil er eine ruhigere Rolle haben wollte: Präsident. Weg von der Bank und den Emotionen, die man auf dem Platz neben dem Trainer durchlebt, hinauf auf die Ehrentribüne, auf Distanz. Und auch mal Krawatte statt Hemdsärmeligkeit, Moderation statt Angriff.
Den Elder Statesman hat Hoeneß aber nicht durchgehalten. Seit er nach seiner Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung ins Amt des Präsidenten zurückgekehrt ist (November 2016), agiert er wieder sehr managerartig, als müsste er etwas nachholen. Nimmt Einfluss aufs Tagesgeschäft, bestimmt die entscheidenden Personalien und trifft die Ansagen: Wer wird Meister? Seine Bayern natürlich. Und wenn nicht 2019, dann sicher wieder ab 2020. Es wird Geld in die Hand genommen. Das kann Hoeneß als Vorsitzender des Aufsichtsrats der FC Bayern AG durchsetzen. Doch kein Zweifel: Er würde auch ohne dieses Mandat die Linie vorgeben. So gesehen ist Uli Hoeneß also doch seit 40 Jahren der Mann, der den FC Bayern macht.
Er hat den Job des Managers nicht erfunden, er war nicht der Pionier in der Bundesliga. Die Bayern hatten in Robert Schwan, dem Beckenbauer-Manager, schon jemanden gehabt, der im Fußball die Businessseite erkannte. Schwan hatte auch einen Gegenspieler, den Hoeneß sozusagen übernahm: Helmut Graßhoff von Borussia Mönchengladbach, dem 70er-Jahre-Rivalen der Bayern. Und auch Günter Netzer, Mitstreiter von Hoeneß in der Nationalmannschaft (Europameister 1972, Weltmeister 1974), war bereits Manager. Beim Hamburger SV. Und mit verantwortlich dafür, dass Hoeneß nicht mehr spielen wollte.
Uli Hoeneß schleppte seit Jahren eine Knieproblematik mit sich herum, die Karriere geriet ins Stocken, weil ihm die Laufstärke abhanden kam. Für den FC Bayern würde es nicht mehr reichen. Hoeneß erhielt eine Anfrage von Netzers HSV, sollte sich vor einer Vertragsunterzeichnung jedoch „ins Knie schauen lassen“. Das lehnte er ab, überwarf sich – vorübergehend – mit Kumpel Netzer. Er versuchte sich auf Leihbasis noch beim 1. FC Nürnberg, doch musste anerkennen: Es war vorbei mit Fußball. Mit 27.
Hoeneß war nicht der Ur-Manager der Bundesliga, aber der erfolgreichste. Er nahm sich des Themas Merchandising an, als noch kein Mensch in Deutschland auf die Idee kam, ein Trikot zu tragen. Er machte den FC Bayern zum Werbeträger, wobei das Geschäft erst nach der Jahrtausendwende richtig Fahrt aufnahm, als der Fußball von seiner breiten gesellschaftlichen Akzeptanz und einem sich durch die nahende WM 2006 erhellenden Stadionangebot profitierte. Seitdem geht der Bayern-Umsatz durch die Decke. Der Entschluss, eine eigene Arena zu bauen, war die wichtigste Maßnahme der Ära Hoeneß.
Er hatte auch schwere Zeiten durchzustehen gehabt bei seinem FC Bayern. Als der Verein Anfang der 90er-Jahre in eine sportliche Krise geriet und in einer Saison drei Trainer verschliss (Jupp Heynckes, Sören Lerby, Erich Ribbeck), wurde Hoeneß’ Allmacht beschnitten, er bekam Franz Beckenbauer als Präsident und Karl-Heinz Rummenigge als Vize vor die Nase gesetzt. Geballte Kompetenz, mit der der Manager sich arrangieren musste.
Mehr als der leichtlebig-wurstige Beckenbauer und der geschäftsmäßige Rummenigge schaffte Hoeneß es aber, zur Personifizierung des FC Bayern zu werden. Konkurrenz um die Rolle als die Bayern-Figur hatte er immer nur vorübergehend: durch zwei prägende Spielerpersönlichkeiten mit Reiz-Potenzial. Erst Lothar Matthäus, dann Oliver Kahn. Sie waren die umjubelten Häuptlinge, wenn sie aus dem Bayern-Bus stiegen. Doch kein Ruf hielt sich so lange wie das „Ulllllliiiii“ – auch rund um die späte tiefste Krise seines Lebens. 2013 flog auf, dass Hoeneß massiv Steuern hinterzogen hatte (die Zahl aus dem Prozess von 2014: 28,5 Millionen Euro). Er musste ins Gefängnis. Zuvor hatten manche ihm sogar das moralische Format zugestanden, Bundespräsident werden zu können.
Er ist wieder Bayern-Präsident, Bayern-Macher. Die Verdienste bestreitet niemand, doch die aktuelle Amtsführung provoziert Kritik, auch intern, es gibt eine Opposition. Deswegen schwebt über der 40. Wiederkehr des Tags, an dem Hoeneß’ zweite Karriere bei Bayern begann, auch die Frage: Wie lange geht es noch?