San Francisco – Die Chance, dass Daryl Morey in diesen Tagen vom Blitz getroffen wird, liegt bei eins zu 700 000. Dazu reicht ein Blick auf die Website von National Geographic. Nun kennt sich der Manager der Houston Rockets hervorragend mit Zahlen aus. Er hat seinen Kader fast ausschließlich anhand von mathematischen Daten konstruiert. Aber was derzeit in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA passiert, konnte selbst der Ober-Analytiker nicht prognostizieren: Seine Mannschaft trifft bereits in der zweiten Playoff-Runde auf den Titelverteidiger, die Golden State Warriors. Viele sehen in dem Duell ein vorgezogenes Finale. Die lächerlich winzige Wahrscheinlichkeit für den Kampf der Favoriten zu einem solch frühen Zeitpunkt betrug vor dem letzten Spieltag Mitte April eins zu 898 957. Berechnet von Mathe-Genie Andy Larsen aus Utah. Die Liste der irrealen Grausamkeiten umfasst einen Sieg der Portland Trail Blazers mit sechs Ersatzspielern sowie diverse überraschende Aufholjagden kreuz und quer verteilt über die ganze Liga.
Nun stört es die Rockets nicht wirklich, den Titelverteidiger bereits jetzt zu fordern. Der Schweizer Center Clint Capella brach direkt nach dem Erstrundensieg über die Utah Jazz mit einer NBA-Etikette und sprach recht offen über die anstehenden Duelle mit Golden State, obwohl die Warriors zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal fix für die zweite Runde qualifiziert waren, was sie zwei Tage später gegen die Los Angeles Clippers nachholten. Capella betonte: „Wenn du Champion werden willst, musst du den Champion schlagen.“ Sein Chef, Daryl Morey, erkannte in den Worten des Schweizers Vorfreude, jugendlichen Leichtsinn, Anspannung und – auch wenn er das nicht öffentlich aussprach – ein wenig Rachegelüste. Voriges Jahr fügten die Warriors seinem Team Schmerzen zu, die sich nicht in Worten beschreiben lassen und an denen manch andere Mannschaft zerbrochen wäre. Im Halbfinale 2018 führte Houston die Serie 3:2 an. Selbst im entscheidenden siebten Spiel lagen die Rockets zur Pause vorne, ehe sie 27 Dreier (eigentlich ihre Spezialität) am Stück vorbeiwarfen. Diese Pein hat sich innerhalb von elf Monaten zu einer Kraft gewandelt, mit Hilfe derer Houston seine neue Mission vorantreibt. Die lautet: Rache.
Beide Lager ziehen mit denselben Anführern in ihre zweite große Schlacht. Golden State setzt auf sein Star-Trio, bestehend aus den drei Superwerfern Stephen Curry, Kevin Durant und Klay Thompson, das zuletzt zwei Meisterschaften in Folge gewonnen hat, aber sich ganz schön quälte zum Auftakt der Endrunde. Bei den Rockets dreht sich alles und jeder um Fixstern James Harden. In dieser Spielzeit hat der Flügelspieler ein Level erklommen, das auf seiner Position davor nur Michael Jordan und Kobe Bryant erreicht hatten. Sein Werkzeugkoffer beinhaltet Mittel, um eine Defensive in jeder erdenklichen Art auseinanderzunehmen. Harden trifft irre Dreier, Harden zieht Fouls ohne Ende, Harden punktet am Korb und Harden zählt zu besten Vorbereitern seiner Generation. Eigentlich kann sich Harden nur selbst stoppen. Oder – wie das gerade manche Fans der Texaner befürchten – eine unglückliche Fügung. Im Netz ist ein Foto aufgetaucht. Es zeigt den Liga-Topscorer mit einem Eispack von der Größe einer Bierflasche an seiner Wurfhand. Die Rockets schweigen öffentlich zum Status seiner Gesundheit. Doch nur mit einem Harden in Top-Form haben sie eine Chance. Die Buchmacher in Las Vegas sehen den Titelverteidiger als Favoriten. Um die Siegchancen zu verbessern, hat Manager Morey zu einem Trick gegriffen und sein Team zwei Tage vor Spiel eins nach San Francisco einfliegen und in der Oracle Arena trainieren lassen. Geholfen hat das auch nichts. Die Warriors gewannen Spiel eins am Sonntagabend 104:100.