Tolisso: Der Kopf spielt nicht mit

von Redaktion

Seit März ist der Franzose beim FC Bayern wieder im Training – doch der Weg zurück ist schwer

VON JONAS AUSTERMANN

München – Mitte März endete die lange Leidenszeit von Corentin Tolisso – zumindest auf den ersten Blick. Der Franzose durfte nach Kreuzband- und Außenmeniskusriss im rechten Knie erstmals wieder mit den Bayern-Teamkollegen trainieren. Rasen also statt Reha. Trainer Niko Kovac machte von Beginn an klar, Tolisso alle Zeit der Welt einzuräumen. Gut eineinhalb Monate nach seinem Trainingscomeback plagt sich der Weltmeister aber noch immer mit den Nachwirkungen seiner schweren Knieverletzung herum. Vor allem mental ist Tolisso noch nicht wieder der Alte – der 24-Jährige hat ein Kopfproblem…

Zwei Mal beendete Tolisso Einheiten vorzeitig, zwei Mal hatte sich das operierte Knie gemeldet. Kovac erklärt: „Er ist sehr sensibilisiert. Nach jedem Zweikampf, in dem er das Knie spürt, bekommt er einen Schreck. Aber das ist normal.“

Das sieht auch Marko Bokan, Leiter der Physiotherapie am Isarklinikum, so. Der Experte sagt: „Dass ein Profisportler besonders auf seinen Körper hört und jede kleinste Bewegung interpretiert, ist vollkommen normal. Schließlich hängt die ganze Karriere von seiner Gesundheit ab. Profis machen sich deswegen meist mehr Gedanken als Hobbysportler.“ Für Tolisso ist die schwere und langwierige Verletzung Kreuzbandriss zudem komplettes Neuland. Der Mann aus dem Örtchen Tarare fiel bislang einzig mit Oberschenkelzerrung oder Schienbeinprellung länger aus. Dann der Schock im September 2018 beim Heimspiel gegen Bayer Leverkusen.

Tolisso kämpfte sich Schritt für Schritt heran, betrieb Muskelaufbau am Oberschenkel und verbrachte endlose Stunden mit Reha-Übungen. Das hilft, bereitet aber nicht auf den absoluten Ernstfall vor. Sportphysiotherapeut Bokan erklärt: „Wenn der Spieler in einen Zweikampf geht, fehlen die Automatismen. Die Bewegungsabläufe sind etwas Neues – und es braucht Zeit, sich wieder daran zu gewöhnen.“

Die Bayern-Physios untersuchten Tolisso nach seinem ersten Trainingsabbruch und zeigten ihm, dass das Knie der ungewohnten Belastung standhält. Bokan meint: „Tolisso muss sehen, dass sein Handeln keine Konsequenzen fürs Knie hat. Er braucht positive Unterstützung von den Physiotherapeuten. Dann gibt sich die gesunde Angst nach ein paar Mal.“ Denn die ganze Reha ist ein Lernprozess. Auch Hobbysportler müssen anfangs wieder lernen, dem einst kaputten Knie zu vertrauen. Das fängt mit einbeinigem Springen auf dem Trampolin an und endet irgendwann bei komplexeren Bewegungen.

Ganz vergessen wird Tolisso seinen Kreuzbandriss aber nie, wie der Physiotherapie-Leiter des Isarklinikums erklärt: „Je länger ein Sportler verletzungsfrei ist, desto mehr rückt die Verletzung in den Hintergrund. Komplett ignorieren kann man einen Kreuzbandriss aber nicht, sondern man muss lernen, damit umzugehen.“ In diesem Prozess befindet sich Tolisso gerade.

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