Dauerkrise beim TSV 1860

Tumult- und Streitverein

von Redaktion

ULI KELLNER

An diesem Sonntag jährt sich die legendäre Regionalliga-Meisterschaft des TSV 1860. Das Maisfeld, auf dem das Dorf Pipinsried eine Naturtribüne improvisiert hatte, dürfte sich inzwischen von der Invasion der Löwen-Fans erholt haben. Die Fans aus München wiederum dürften gerne an diesen 5. Mai 2018 zurückdenken, der ihnen das Gefühl gab, doch nicht zu ewigem Leiden verdammt zu sein. Wie das Datum 5. Mai überhaupt positiv besetzt ist in den Köpfen vieler Altsechz’ger. Karl-Heinz Wildmoser, der Patriarch der letzten Bundesliga-Ära, wäre an diesem Sonntag 80 Jahre alt geworden.

Emotionale Erinnerungen leistet sich jedoch keiner in diesen Tagen. Dazu ist die Gegenwart – wieder einmal – zu trostlos.  Abstiegssorgen und  Sieglos-Wochen in der Liga, den DFB-Pokal erstmals seit 25 Jahren verpasst und in Aschaffenburg von einem Viertliga-Aufsteiger vorgeführt worden – der Löwen-Blues feiert ein Comeback, das keiner vermisst hat. Lange hatten sich die Giesinger als Neuling ordentlich präsentiert in der ungewohnten Drittliga-Umgebung. Dann jedoch schlich sich ein dicker Wurm ein, der am Dienstag sogar den Stoiker Daniel Bierofka zornig werden ließ. „Bodenloser Auftritt“ schimpfte der Coach nach der Pokalblamage am Untermain.

Dabei sind die Fußball spielenden Löwen nur ein Abbild der Funktionärslöwen, die beim Tumult- und Streitverein traditionell ein Bild des Jammers abgeben. Wo sich die gegensätzlichen Gesellschafter mit Leidenschaft in den Infight begeben und dabei vor keinem Nebenkriegsschauplatz zurückschrecken (zuletzt ging es sogar ums kultige Vereinslogo), ist es nun mal schwer, einen Boden zu bestellen, auf dem sich das nach dem Doppelabstieg kultivierte Pflänzchen der Hoffnung weiterentwickeln lässt. Die Krise setzte ziemlich genau ein, als das Thema Lizenz an die Öffentlichkeit gelangte – und somit auch die Folgeerscheinungen: Sparkurs, Budget- und Kaderreduzierung, Zwangsverkäufe . . . Schlagen solche Verbalkeulen in der Kabinentür ein, ist es auch dem engagiertesten Fußballlehrer kaum möglich, die Konzentration und Identifikation seines Kaders hochzuhalten. Wie ernst die Lage ist, verdeutlicht der öffentliche Hilfeschrei von Geschäftsführer Michael Scharold, der indirekt darauf hinwies, wie wenig zukunftsfähig die Löwen mit ihren ewigen Querelen aufgestellt sind.

Klingt alles irgendwie vertraut, dürfte sich das Gros der 1860-Fans denken. Aber das lindert ihr Leiden kaum. Bekanntlich heißt es, dass aus der Vergangenheit lernen sollte, wer Fehler in der Zukunft vermeiden will. Von geordneten Finanzen, realistischen Visionen und einer versierten Vereinsführung sind die Löwen 2019 jedoch weiter entfernt als von Bundesliga und DFB-Pokal. Zwar war auch zu Zeiten von Karl-Heinz Wildmoser nicht alles gut bei 1860, doch bei so viel Hang zur Selbstzerstörung würde sich der Macher von einst im Grabe rumdrehen.

uli.kellner@ovb.net

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