Vor einer Woche verlor Borussia Dortmund das Revierderby gegen Schalke. Doch das Ergebnis (2:4), die beiden Roten Karten für die Schwarz-Gelben und ein Handelfmeter gegen sie waren nicht das am emotionalsten besprochene Thema. Sondern: ein Plakat, das in der Schalker Kurve zu sehen war. „Immer noch ’ne Bombenidee, Freiheit für Sergej W.“ stand darauf. Der Zusammenhang wurde sofort klar: Sergej W. ist der verurteilte Straftäter, der 2017 versucht hatte, die komplette Mannschaft des BVB in deren Bus in die Luft zu sprengen.
Bestürzung über diese Geschmacklosigkeit auch beim FC Schalke 04. Dessen Vorstandschaft entschuldigte sich bei der Geschäftsführung des BVB und stellte gegenüber den eigenen Fans klar: „Wir erwarten, dass solche unwürdigen Verbalattacken künftig unterbleiben.“ Es war eine Wiederholungstat: Schon beim Hinspiel in Gelsenkirchen war das Transparent – weiße Großbuchstaben auf etwa einem mal einem Meter großen dunklen Laken – gezeigt worden.
Klarer Fall eines Verstoßes gegen den Anstand und die geltenden Regeln. Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen, wenn sie Gewalt verherrlicht und Menschen diskriminiert. So steht es in den Stadionordnungen, so gibt es die Deutsche Fußball-Liga (DFL) vor – oft versehen mit dem Zusatz, dass eine Äußerung nicht zwingend strafrechtlich relevant sein müsse, um als beleidigend bewertet zu werden. Ziel der Clubs jedenfalls ist es, in ihren Stadien einen Mix zuzulassen: Kritik ja, Verunglimpfung nein.
Wie wird das in der Praxis gehandhabt? Wir haben alle 18 Bundesligisten um Einblicke gebeten, die Mehrzahl hat sie, teils ausführlich, gewährt.
Es gibt eine Klammer für den Umgang mit allem, was Fans versuchen, an Bannern ins Stadion zu bekommen. Die Clubs wollen darüber informiert sein und entscheiden können, ob sie die jeweiligen visuellen Äußerungen zulassen – und sie sind sich einig: Zu verhindern ist es nicht, dass auch die abgelehnten und unbotmäßigen Transparente den Weg auf die Tribünen finden. „Kontrollen sind auch immer wieder erfolgreich“, so Bayer 04 Leverkusen, „aber eine hundertprozentige ,Sicherheit gibt es nicht.“ Thorsten Meier, Stadionchef bei Hannover 96, sagt: „Die Realität ist, dass Plakate mit problematischem Inhalt gar nicht erst angemeldet oder vorgelegt werden, sondern ohne Kenntnis des Vereins auf anderen Wegen ins Stadion gelangen.“
Borussia Dortmund hat die Erfahrung gemacht, dass fünf Prozent der Plakate nicht rein dürften und abzulehnen wären. Allerdings: „Sie werden in der Regel gar nicht angemeldet, sondern es wird versucht, diese ins Stadion zu ,schmuggeln’.“ Der BVB ist in dieser Sache ein gebranntes Kind. Das DFB-Sportgericht sperrte die Südtribüne für ein Bundesligaspiel, nachdem im Februar 2017 beim Heimspiel gegen den Red-Bull-Club Leipzig Transparente wie „Pflastersteine auf die Bullen“ und „Bullen schlachten“ hochgehalten worden waren.
Wie die Plakate reingekommen waren? Fans tauschen sich in Internetforen über die Tricks aus. „Der Schmuggel erinnert an alte Gefängnisfilme“, fasste die Tageszeitung „Die Welt“ die Beiträge zusammen. „Schuhe, Socken und Unterwäsche werden besonders gerne als Versteck genutzt. Die kleinen Teile werden dann erst im Stadion wieder zusammengesetzt, ein sehr mühsamer Weg.“ Beliebt zum Transport größerer Teile: das Drängeln am Einlasstor – schafft Druck auf die Ordner. Man flutscht eher mal unkontrolliert durch.
Der FC Bayern hat für die Anmeldung von Choreografien und Plakaten eine Frist von einer Woche gesetzt. Dortmund versucht, spontaner zu sein. „Wenn am Spieltag weitere Banner oder Plakate am Eingang ankommen, können diese auch kurzfristig genehmigt werden.“ Hannover 96 möchte bis am Tag vor dem Spiel Bescheid wissen. Banner müssen „angemeldet, aber nicht vorgelegt werden“.
Auch was im Gästeblock auftauchen soll, muss transparent gemacht werden. Zuständig sind dafür die Fanbeauftragten des Gastvereins. Jeder Club muss diese Position mit zwei hauptamtlichen Angestellten besetzt haben.
Vor allem bei raumgreifenden Choreografien geht es auch ums Material. „Es muss gewährleistet sein, dass die genutzten Materialien sicherheitszertifiziert sind“, heißt es von Mainz 05, „zum Beispiel nach bestimmten Brandschutznormen“. In Wolfsburg ist die „Brandschutzklasse B1“ gefordert. In die fallen „Stoffe, die nach Brandschutznorm DIN4102-1 nach dem Entfernen der Brandquelle selbst erlischen“. Ein flammendes Inferno, das einen Block erfasst, will keiner haben.
Einige Vereine wollen gegenüber ihrem Anhang nicht zu reglementierend auftreten. Mainz 05 setzt „bewusst auf die Eigenverantwortung der Fans. Uns ist es wichtig, eine bunte Kurve zu fördern und damit die Fankultur zu stärken.“ Der FC Augsburg versichert: „Für uns ist besonders der Dialog wichtig, sodass auch jeweils einzeln bewertet wird.“ Die Linie des FCA gilt als liberal. Er hat schon massive Angriffe gegen den DFB („Der Kapitän der korrupten Crew verlässt das sinkende Schiff“) zugelassen oder Kritik an die Gründung einer E-Sport-Abteilung.
Werder Bremen, in dessen Stadion es eigene „Materialeingänge“ gibt, hat sich mit seinen Fangruppen auf einen „Fan-Ethik-Kodex“ geeinigt. Hertha BSC verfolgt „das sogenannte St.-Pauli-Prinzip“, so Sprecher Marcus Jung. „Das bedeutet letztlich, dass wir auf Vertrauensbasis Banner, Plakate und Choreografien genehmigen, ohne diese zuvor vorgelegt bekommen zu haben.“
Der Ton beim Fußball ist rau – vieles wird hingenommen. Doch nicht alles. Einer, der häufig angefeindet wird, ist Dietmar Hopp, der Software-Milliardär, der den Aufstieg der TSG Hoffenheim ermöglicht hat. Er musste lesen und hören, er sei der „Sohn einer Hure“. Und er fand sein Konterfei auf einem großen Banner – eingearbeitet ins Fadenkreuz eines Zielfernrohres. Hopp hat begonnen, Strafanzeigen zu stellen, es gab erste Prozesstermine. Und ein Urteil gegen einen Kölner (ein Monatsgehalt) wegen Beleidigung.
Die meisten Angriffe zielen auf RB Leipzig, speziell auf Trainer Ralf Rangnick, eine etablierte Reizfigur im deutschen Fußball. In verschiedenen Stadien wurde auf eine Erkrankung hingewiesen, deretwegen Rangnick sich für einige Zeit zurückgezogen hatte („Burnout-Ralle“). Sicher keine angemeldete und genehmigte Äußerung. Bei Spielen in Leipzig liegt die Ablehnungsrate bei Plakaten „unter einem Prozent“
Hochgelobt werden derzeit die Fans von Eintracht Frankfurt, die am Donnerstag zum Europa-League-Abend eine atemberaubende Choreografie boten – durchsetzt jedoch mit grenzwertigen Plakaten wie „ACAB“ (steht für die Polizistenschmähung „All Cops are Bastards“), „Ehre der Gruppe Stadionverbot“ oder „Besser renn, Gästefan“. Eine Kurve ist eben nie vollständig unter Kontrolle.