„Talente reiften in Sagans Windschatten“

von Redaktion

Ralph Denk, Manager des Bora-hansgrohe-Radteams, zu den 20 Siegen in den Frühjahrsrennen

München – Das Raublinger Radteam Bora-hansgrohe hat ein spektakuläres Frühjahr hinter sich. Zwanzig Siege haben die Männer in den schwarz-grünen Trikots eingefahren. Zuletzt siegte Pascal Ackermann bei Eschborn-Frankfurt. Wir unterhielten uns mit Teamchef Ralph Denk, 45, über diese erstaunliche Erfolgsserie.

Ralf Denk, Ihr Team fährt in dieser Radsaison bislang von Sieg zu Sieg. Wie erklärt sich diese Frühform?

Ist gibt im Sport ein Sprichwort: Wenn’s läuft, dann läuft’s. Aber es ist auch so, dass unsere strategische Arbeit der letzten zwei, drei Jahre jetzt Früchte trägt. Von den Leuten, die derzeit so gut fahren, sind viele bei unserem Rennstall Profi geworden. Unsere Talente haben wir schön im Windschatten von Peter Sagan aufgebaut.

Zum Beispiel Pascal Ackermann. Hatten Sie damit gerechnet, dass er den deutschen Klassiker Eschborn-Frankfurt gewinnen kann?

Wir wussten, dass Pascal stark ist. Er befindet sich ja auch im Formaufbau für den Giro D’Italia, der in einer Woche beginnt. Wir haben dabei besonderen Wert darauf gelegt, dass Pascal seine Kletterfähigkeiten ausbaut. Er hat deswegen auch zwei, drei Kilo Gewicht verloren. Und prompt hat er sich bei Eschborn-Frankfurt am Berg relativ leichtgetan.

Sogar noch aufsehenerregender waren die bisherigen Talentbeweise des ebenfalls 25-jährigen Max Schachmann. Er ist erst zu dieser Saison zu Bora gewechselt – ein Glücksgriff.

Ich habe Max schon in der U23 beobachtet. Für mich war der schon immer einer, der ein ganz Guter werden kann. Vor zwei Jahren ist er leider zu Quickstep gegangen. Damals hatten wir ihm vielleicht nicht die optimale Basis, also das Umfeld und die Betreuung, geben können. Wir haben uns dann noch einmal ganz stark angestrengt, so dass er vor dieser Saison doch zu uns gewechselt ist. Max hat sicher ein Riesenpotenzial. In welchen Rennen, er sich in Zukunft am effektvollsten beweisen wird, steht noch gar nicht so richtig fest: Bisher hat er ja in den klassischen Eintagesrennen aufgetrumpft, er hat auch das Zeug für einwöchige Rundfahrten. Es kann bei ihm aber in Richtung der großen dreiwöchigen Rundfahrten gehen. Max ist von seiner Talentausschöpfung sicher noch nicht am Ende.

Sie sprechen von der „Basis“, die sie Schachmann bieten. Was meinen Sie damit genau?

Wir arbeiten mit einem tollen Trainerteam, das auch querdenkt. Ackermann und Schachmann haben zum Beispiel den gleichen Trainer. Nämlich Dan Lorang. Der kommt aus dem Triathlon und trainiert auch den Olympiasieger Jan Frodeno. In einem alteingesessenen Radteam wäre es zum Beispiel ein Ding der Unmöglichkeit, dass ein Triathloncoach einen Sprinter wie Ackermann trainiert. Aber wir haben neue Impulse gesucht, und es hat sich gezeigt, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Eine große Rolle spielt bei uns dabei auch das Thema Aerodynamik: Fahrräder, Helme, Bekleidung. Da haben wir viel Potenzial entdeckt und viele Stunden im Windkanal verbracht.

Schachmann ist für Ihr Tour-de-France-Aufgebot vorgesehen. Kommt er sich da nicht mit Boras Superstar Peter Sagan in die Quere?

Da sehe ich kein Problem. Peter braucht nicht die große Mannschaft bei den Sprints. Für uns Manager wird das nicht die große Herausforderung sein, die beiden zu integrieren. Sagan ist eher der sprintlastige Fahrer, Schachmann der bergfestere.

Welche Rolle ist bei der Frankreich-Rundfahrt für Schachmann vorgesehen?

Wir werden sehr aggressiv fahren bei dieser Tour. Und da ist Schachmann der Mann für Ausreißergruppen.

Als Tour-Kapitän werden Sie erstmals Emanuel Buchmann aufbieten. Er wirkt meist eher zurückhaltend, kann er denn eine Mannschaft führen?

Das denke ich schon. Emanuel hat ja zwei Gesichter. Nach außen hat man das Gefühl, dass er ein bisschen scheu ist. Aber wenn die Tür zu ist, dann ergreift er schon das Wort, da macht er einen guten Job. Und sein Wort hat auch Durchschlagskraft. Emanuel hat durchaus Führungsqualitäten.

Der einzige, der bislang hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, ist ausgerechnet der dreifache Weltmeister Sagan …

Wir sind gerade dabei, das zu analysieren. Aber man darf nicht vergessen, dass seine Ergebnisse bei den Klassikern nicht schlecht waren: Vierter in San Remo, Fünfter in Roubaix, Elfter in Flandern. Das ist keine desaströse Leistung. Aber der Anspruch war natürlich ein anderer. Ein wesentlicher Grund, dass Peter noch nicht in Topform ist, sind gesundheitliche Probleme. In der heißen Vorbereitungsphase hat ihm eine Magen-Darm-Grippe zu schaffen gemacht. Somit gehen ihm tausend Trainingskilometer ab. Bei den harten Klassikern sind die das Zünglein an der Waage.

Wie geht es nun weiter mit Sagan?

Peter hat ein paar Tage Pause bekommen. Und dann starten wir einen Neuaufbau in Richtung Tour de France. Ich bin davon überzeugt, dass Peter sich da wieder so stark präsentieren wird, wie wir ihn alle kennen.

Interview: Armin Gibis

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