Eigentlich ist das ja eine wunderbare Geschichte, fast wie ein Märchen aus einer anderen Welt. Da engagiert sich eine Frau neben ihrem Beruf ehrenamtlich für benachteiligte Jugendliche, holt sie nach der Schule zu sich, bereitet gemeinsam mit ihnen ein warmes Mittagessen zu, hilft bei den Hausaufgaben, später bei der Suche nach einer Lehrstelle, vermittelt ihnen Werte, Respekt und Selbstbewusstsein durch ein qualifiziertes Boxtraining und macht damit eben das, was Politik und Gesellschaft so selbstverständlich vom Sport erwarten: Sie integriert, fängt junge Menschen auf, die vom Absturz bedroht sind, schenkt ihnen Heimat und Perspektive.
Die Liste der Erfolge ist lang, viele der Jugendlichen sind inzwischen in der Ausbildung, aber sie brauchen weiter Unterstützung, um die Lehre auch erfolgreich abschließen und im Berufsleben Fuß fassen zu können. Schon einmal stand das Projekt, das sie „Boxt euch durch München“ genannt hat, auf der Kippe, damals, nachdem die vielen Flüchtlinge nach München gekommen waren. Michaela Schubert hat einige unbegleitete Jugendliche aufgenommen, sich intensiv um sie gekümmert. Was nicht allen gefiel. Als sich die Stimmung im Land gegen die Neuankömmlinge zu wenden begann, sind Sponsoren abgesprungen, doch Schubert kämpfte. Für ihr Projekt, für ihre Schützlinge, die zum Teil traumatisiert waren von den schlimmen Erlebnissen auf ihrem Weg in eine, wie sie hofften, bessere Zukunft.
Irgendwie hat sie doch immer das Geld aufgetrieben, die Miete der Räume in einem ehemaligen Kraftwerk nahe dem Ostbahnhof war nicht billig. Sie hat Hilfe bekommen von ihrer Tochter, auch von Kickbox-Weltmeisterin Marie Lang, die als Schirmherrin fungierte, von Lehrerinnen, die im Unterricht gemerkt hatten, wie positiv sich Schuberts Engagement auf die Schüler auswirkte, von Studenten. Immer aber war es eine Wanderung auf schmalem Grat, stets drohte das Ende. Michaela Schuberts Arbeitstage zogen sich über 16 Stunden, sie rannte von Behörde zu Behörde, für die Jugendlichen, für ihr Projekt, für diesen großen Traum, wie sie es nennt. Der nun endgültig zu platzen droht. Ein neuer Hauptmieter hat das alte Gebäude übernommen und will nun mehr Geld für weniger Platz. Verbunden mit dem dezenten Hinweis, sich tunlichst um neue Räumlichkeiten zu kümmern. Das aber, das weiß jeder in München, verspricht kaum Erfolg. Und Schubert ahnt, dass „Boxt euch durch München“ wohl sterben muss. Und damit die Hoffnung vieler junger Menschen, über dieses großartige Projekt, über den Sport eine Perspektive im Leben zu finden.
Was der Sport leisten kann, was der Sport an Werten vermittelt, wie toll der Sport integriert, immer wieder betonen das die Politiker in blumigen Sonntagsreden. Dann aber verlassen sie sich allein auf die Kraft von Idealisten wie Michaela Schubert, die sich aufopfern für eine Idee, für Menschen, die es allein kaum schaffen würden, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Es gibt, welch ein Glück, viele solcher Projekte, bei denen der Sport noch das ist, was er eigentlich sein sollte: Nicht big Business, sondern Dienst am und für Menschen. Und praktisch alle haben das gleiche Problem: Man bekommt, von salbungsvollen Worten mal abgesehen, kaum Unterstützung, nicht aus der Politik, nicht aus der Wirtschaft, schon gar nicht aus dem Profizirkus, der längst nicht mehr weiß, wohin mit dem vielen Geld, und nur selten aus der Gesellschaft.
Und so findet auch die wunderschöne Geschichte, die Michaela Schubert und ihre Unterstützer mit „Boxt euch durch München“ geschrieben haben, wohl kein Happy End. Was bleibt, ist das Hoffen auf ein Wunder.
Warum der Sport immer seltener Dienst am Menschen ist