München – Es ist schwer vorstellbar, dass die Regelauslegung beim Handspiel zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelöst werden kann. Beispiel München: Schiedsrichter Christian Dingert gibt nach Einschreiten des Videoassistenten und Begutachtung in der Reviewzone Strafstoß für Hannover 96, weil Jerome Boateng eine Hereingabe aus Kurzdistanz mit dem Ellbogen abgeblockt hat. Die Folge: Elfmetertor für Hannover, Unverständnis für die Entscheidung von Seiten der Bayern. Trainer Niko Kovac wundert sich: „Ich verstehe es nicht mehr, es gibt eine unterschiedliche Handhabung.“
Beispiel Bremen: Mario Götze springt der Ball im Strafraum an die Hand, Referee Marco Fritz überprüft vor dem Bildschirm und entscheidet: kein Elfmeter. Die Folge: Beschwerden der Bremer. Trainer Florian Kohfeldt argumentiert: „Im Kontext dieser Saison ist es ein glasklares Handspiel. Die Schiedsrichter wissen nicht mehr, was sie pfeifen sollen und was nicht.“
Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich erklärt auf „Merkur“-Anfrage: „Boatengs Arm ist fast am Körper, und er dreht sich ab. Das ist aus unserer Sicht noch nicht strafbar. Es wäre besser gewesen, hier nicht zu pfeifen – analog zum Götze-Handspiel. Hier war es die absolut richtige Entscheidung des Schiedsrichters, beim Nicht-Handspiel zu bleiben.“
Fröhlich räumt ein, dass die Linie bei Handspielen „in der Bewertung schon etwas stringenter ist, als es vorher der Fall war“. Insgesamt würden „die Schiedsrichter in Deutschland diese Linie auch sehr konsequent und berechenbar“ umsetzen. Jerome Boateng verließ den Tatort Allianz-Arena am Samstagabend schweigend mit roter Mütze auf dem Kopf. Er sah aus wie ein riesiger Zwerg und fühlte sich wohl wie ein verzwergter Riese. Insgesamt gab es in dieser Saison bereits 30 Handelfmeter, fast doppelt so viele wie 2017/18 und mehr als dreimal so viele wie 2016/17. Thomas Müller hat eine Erklärung: „Früher hat´s keiner so schnell gesehen und dann ging´s weiter. Jetzt mit dem Videoassistenten ist das anders geworden.“ Auch für Boatengs Tippen mit dem Zeigefinger an die Stirn hatte der Mitspieler eine Begründung: „Jerome hat nicht dem Schiedsrichter einen Vogel gezeigt, sondern der Regel.“
Sky-Experte Markus Merk zeigte wenig Verständnis für die Entscheidung in München und viel für die in Bremen: „Als Bremer würde man sagen, wenn man sich heute Boateng anschaut, war diese Situation sogar klarer. Mit der Entscheidung hat Marco Fritz uns eher zur Normalität zurückgebracht. Die Schiedsrichter haben sich im Laufe der Saison selbst mit der Auslegung in Verlegenheit gebracht.“
Zur kommenden Saison wird es einen neuen Regeltext des mächtigen Fifa-Schiedsrichtergremiums Ifab geben: „Wir werden auf dieser Basis den Dialog mit den Klubs über Workshops weiter nutzen, um die Regelauslegung weiterzuentwickeln“, verspricht Fröhlich. Videochef Jochen Drees ergänzte Samstagabend im ZDF-Sportstudio, er könne „verstehen, dass man aus Aktivensicht Probleme mit der Auslegung des Handspiels hat“. Aber er fürchtet auch: „Es wird auch nach den neuen Änderungen nicht streitlos über die Bühne gehen.“