Dienst nach Vorschrift

von Redaktion

Die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft schleppt sich zum nächsten Titel

VON ELISABETH SCHLAMMERL

München – Sich auf die Tradition zu besinnen, muss ja nicht das Schlechteste sein. Im Fußball erst recht. Die Vergangenheit zu glorifizieren, ist gerade sogar ein bisschen in Mode. Wenn Franz Beckenbauer alte Zeiten bemüht, mag dies lustig sein, aber nicht für alle. Am Samstag hatte der Ehrenpräsident einen seiner mittlerweile sehr selten gewordenen Auftritte – und es wurde einer mit Nachhall. „Wenn ich die Spiele in der Champions League und der Europa League sehe, wie da gefightet wird, da meine ich bei Bayern manchmal, die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft zu sehen“, sagte er am Rande einer Veranstaltung zum 50. Jahrestag des ersten Münchner Doublegewinns vor der Partie gegen Hannover 96.

Beim anschließenden müden 3:1-Sieg der Münchner sah er sich vermutlich in seiner Meinung bestätigt. Das Beste an diesem Tag war – abgesehen von den Emotionen um das Comeback von Arjen Robben in den letzten fünf Minuten des Spiels – das, was knapp drei Stunden später im hohen Norden passierte: Dank des Patzers von Borussia Dortmund bei Werder Bremen (2:2) können sich die Münchner bereits am kommenden Samstag mit einem Sieg bei RB Leipzig den siebten Meistertitel in Serie sichern.

Der Kampf um die Meisterschale ist zwar so spannend wie schon lange nicht mehr, aber auf keinen Fall mitreißend, weil die Protagonisten sich ins Ziel schleppen, statt den Endspurt mit Verve anzugehen. Man habe „die „Hausaufgaben erledigt“, befand Trainer Niko Kovac. Lediglich eine halbe Stunde lang in der ersten Hälfte zeigten die Münchner meisterlichen Schwung, gingen durch Robert Lewandowski und Leon Goretzka in Führung. Nach der Pause, als Schiedsrichter Dingert fälschlich auf Handelfmeter entschied, Jonathas verwandelte und kurz danach wegen einer Gelb-Roten Karte vom Platz musste, begnügte sich die Mannschaft mit Dienst nach Vorschrift – bis die Oldies kamen und der eingewechselte Franck Ribery noch einmal ein Tor für die Bayern erzielte.

Immerhin, die Spieler beschönigten ihre Leistung nicht, die in der zweiten Halbzeit und auch die in ein paar anderen Partien dieser Saison. Man habe oft „für unsere Ansprüche zu wenig gemacht und unser höchstes Leistungsniveau nicht erreicht“, gab Joshua Kimmich zu. Auch Müller räumte ein, dass man „schon bessere Spielzeiten“ hatte, aber verwies sogleich auf die erfolgreiche Aufholjagd. „Wenn du dich von neun Punkten Rückstand auf Dortmund zurückarbeitest, hast du auch was richtig gemacht.“ Und der Konkurrent einiges falsch.

Die Bayern haben ja auch in der Rückrunde Punkte liegen lassen, gegen Leverkusen, in Freiburg und zuletzt in Nürnberg. Im besten Fall kommt der Rekordmeister noch auf 80 Zähler in dieser Saison, weniger holte er in den vergangenen sechs Meisterjahren nur einmal, 2015 schwächelten die Münchner in der Schlussphase, nachdem sie sich allerdings bereits die Meisterschaft gesichert hatten.

Dass es nun voraussichtlich doch wieder die Schale gibt für die Münchner, sagt einiges über die Qualität der Bundesliga aus, über die Konkurrenz, die die Chance verpasste, eine sehr durchschnittliche Saison der übermächtigen Mannschaft der vergangenen sechs Jahre zu nutzen. Das spricht zwar nicht gegen den FC Bayern. Aber auch nicht für ihn.

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