Bremen – „Es fühlt sich wie eine Niederlage an. Wir haben eine zweite Chance bekommen und die haben wir verpasst.“ Thomas Delaney war nach dem 2:2 von Borussia Dortmund beim SV Werder Bremen am Samstagabend ziemlich niedergeschlagen. Mit zwei Toren führte seine Mannschaft, dann kam der Einbruch. Nicht zum ersten Mal. Die Meisterschaft rückt damit in weite Ferne – nach diversen Nachlässigkeiten hat der BVB allerdings auch zu wenig Titelreife unter Beweis gestellt. Alles fing an mit einem 4:3 (0:1) gegen den FC Augsburg am siebten Spieltag. Heimkulisse, Paco Alcácer tritt zum Freistoß an und verwandelt in der sechsten Minute der Nachspielzeit. Ein glücklicher Sieg.
Erzwungenes Glück ist Können, und wer solche Spiele gewinnt, holt die Meisterschaft. Die Dortmunder spielten eine grandiose Hinrunde. Doch die Einbrüche häuften sich. Wenig später das 2:2 durch den Berliner Kalou am siebten Spieltag in der Nachspielzeit – diesmal hatte der BVB das Nachsehen. Dann das glückliche 2:1 auswärts beim FSV Mainz 05 am zwölften Spieltag. Gier, Mentalität, Wille? Schwarzgelbe Attribute zu dieser Zeit, oft allein wegen des Spielglücks. Das erste Leuchtfeuer, das ein Scheitern im Titelkampf verkündete, entzündete dann die TSG Hoffenheim beim 3:3 am 21. Spieltag. Dortmund hatte eine Drei-Tore-Führung vor der gelben Wand – nun ja: vor die Wand gefahren.
„Ich weiß nicht, ob es die Nerven sind oder was auch immer“, ärgerte sich Delaney nach dem leicht vermeidbaren Remis im Weserstadion; ausgerechnet eine Woche nach dem 2:4-Derbydebakel. Zu viele Nackenschläge in der eigentlich starken Saison für die junge Mannschaft. Aber dafür gleich von mangelnder Erfahrung zu sprechen, wäre falsch. Es zeigt etwas anderes: Der BVB hat seinen Umbruch noch lange nicht vollzogen. Zu schnell kam der Erfolg. „Ich habe hier noch nicht meine ganze Arbeit gemacht“, sagte Coach Lucien Favre schon vor der am Ende missglückten Partie in Bremen.
Die Stimmung in der Kabine danach? „Die Spieler waren enttäuscht. Wichtig ist aber, dass wir eine gute Leistung gebracht haben“, beteuerte Favre. Das Duell mit den Bremern ging auch nicht durch das Kollektiv verloren. Schwarzgelb spielte eine volle Stunde lang dominant auf, vergab allerdings beste Chancen am Fließband und machte zu allem Überfluss verheerende individuelle Fehler. „Wenn du solche Spiele gewinnen willst, darfst du solche Fehler nicht machen“, befand Sportdirektor Michael Zorc mit Blick auf die schweren Patzer von Torwart Roman Bürki beim 1:2-Anschlusstreffer der Bremer durch einen eigentlich harmlosen Schuss von Kevin Möhwald und von Abwehrspieler Manuel Akanji vor dem 2:2-Ausgleich. Der BVB ist eben noch nicht bereit für den Titel.
„Mit den Qualitäten, die wir haben, müssten wir das besser machen“, meinte zwar Delaney. Aber: Die volle Entfaltung dieser Qualitäten braucht noch ihre Zeit. Borussia wird gerade Opfer des eigenen Erfolgs. „In der Kabine war Stille, wir sind nicht zufrieden. Es geht von sehr, sehr gut zu schlecht. Aber es gibt noch zwei Spiele und wir wollen nicht am Boden liegen und weinen“, erklärte Delaney tapfer, räumte aber auch ehrlich ein: „Es fühlt sich an, als wäre es vorbei“.
Dabei ist die Titelchance ja sogar noch irgendwie vorhanden. Der FC Bayern hat zwei Spieltage vor Schluss vier Punkte Vorsprung. „Wir sind keine Träumer: Natürlich sind die Bayern absolut auf der Pole Position und haben das noch ausgebaut, weil wir hier nicht gewonnen haben“, drückte Zorc dann schon die Erwartungen. Erwartungen, die hoch sind und waren an eine Mannschaft, die einen großen Umbruch vollzogen hat – und noch einen kleinen Umbruch vollziehen muss.