München – Borussia Dortmund hatte die Meisterschaft auf dem Silbertablett – und sie fast schon verspielt. Ein Grund dafür: Der BVB hat zu oft Führungen verspielt. „Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle“, sagt Sportpsychologe Matthias Herzog.
Der 42-Jährige hat schon viele Sportler beraten. Er weiß, wie es im Profigeschäft zugeht. Bezeichnend etwa für die Dortmunder Saison: Das 3:3-Unentschieden am 21. Spieltag gegen die TSG Hoffenheim – nach einer Drei-Tore-Führung. Mentaltrainer Herzog sieht für einen solchen Einbruch drei Ursachen: .Erstens: „Es ist auch immer eine taktische Vorgabe des Trainers: Verwaltet erst mal, ihr müsst nicht gleich nachsetzen.“ Zweitens: „Spieler fahren die Energie herunter, wenn sie führen. Da fehlt dann der Killerinstinkt wie bei RB Leipzig oder den Bayern früher. Man muss dem Gegner einfach den Todesstoß verpassen wollen.“ Drittens: „Beim BVB ist das Problem bei einem Gegentor, dass die Spieler nervös werden. Das ist ein Déjà-vu-Effekt: Hoffentlich passiert uns das nicht wieder. Das Problem an der Sache: Das Wort ,nicht’ kann unser Kopf nicht verarbeiten. Wenn wir daran denken, nicht zu verlieren, dann verlieren wir“, meint Herzog.
Um dem entgegenzuwirken, brauche es einen Anführer. Herzog stellt eine gewagte These auf: „Dem BVB fehlt ein richtiger Leader“, sagt er. Marco Reus spielt zwar die wohl beste Saison seines Lebens und ist ein begnadeter Fußballer. „Er kann aber noch keine großen Erfolge vorweisen“, so Herzog. Der bisher einzige Erfolg des 29-jährigen Reus ist der DFB-Pokalsieg 2017. Herzog: „Reus ist keiner, der seine Mannschaft nach vorne treibt. Du brauchst einen extrovertierten Anführer, der vorangeht. Es sind alle etwas ,weichgespült’ – wie auch bei der Nationalmannschaft.“
Herzog geht noch einen Schritt weiter, zweifelt gar an der Vorbildfunktion des BVB-Kapitäns. „Wenn du viele junge, unerfahrene Spieler hast, gucken die auf Reus – und der sitzt, ohne es zu dürfen, mit einer Rotsperre neben der Bank oder ist ohne Führerschein Auto gefahren“, sagt der Sportpsychologe. Zugegeben: Eine provokante Aussage. Denn: Reus, wegen dessen Aufenthalts im Innenraum des Bremer Weserstadions trotz einer Rotsperre Borussia Dortmund vom DFB 10000 Euro Geldstrafe aufgebrummt bekam, hat sich als Kapitän positiv entwickelt.
Einen Vorschlag hat Herzog, um den Anführer-Mangel zu umgehen. „Du musst die Position des Leaders aufteilen“, sagt er und sieht noch ein Problem: Wenn all das umgesetzt wird, bleibt aber noch eine weitere Hürde zu überwinden. In der Bundesliga dominiert der FC Bayern München. „Du weißt, du bekommst nicht so oft die Chance, den Titel zu holen. Da ist der Druck einfach noch größer“, erklärt Herzog. Und wie lässt sich damit umgehen? „Sie müssen die Gegner platt spielen.“